Infomaniak – die etwas andere Cloud

Interview
Infomaniak, the cloud on a human scale header image

Als Pionierin der ethischen und souveränen Cloud feierte das Genfer Start-up Infomaniak am 1. Oktober dieses Jahres einen vielbeachteten Börsengang an der SIX Swiss Exchange. Ein Besuch vor Ort.

Boris Siegenthaler empfängt uns in Flip-Flops, braunen Shorts und einem weissen T-Shirt. Der Gründer von Infomaniak ist mit Medien nicht besonders vertraut. Weder was das Auftreten noch was die Wortwahl angeht. «Ich bin eine Niete im Reden», sagt er mit einem Lächeln, es wirkt wie eine Entschuldigung. Doch der Börsengang des Genfer Spezialisten für Cloud-Computing-Dienste am 1. Oktober zwingt ihn dazu, seine Zurückhaltung abzulegen und mit Journalisten zu sprechen. Das ist vielleicht nicht gerade seine Paradedisziplin, doch er stellt sich der Aufgabe mit Überzeugungskraft, getragen von dem, worüber er spricht. Leidenschaftlich. Beinahe missionarisch. So erklärt er: «Technologie hat nur dann einen Sinn, wenn sie das Leben verbessert und unseren Planeten schont.»

Wie die schönsten Geschichten aus dem Silicon Valley beginnt auch das Abenteuer von Infomaniak in einem Schuppen, in dem sich eine Handvoll Geeks versammelt. Doch dieser Schuppen steht nicht in Kalifornien. Er befindet sich im hinteren Teil eines Gartens in Bellevue, am Stadtrand von Genf. Wir schreiben die frühen 1990er-Jahre. Nelson Mandela ist gerade freigelassen worden, Deutschland wird wiedervereinigt und Stephan Eicher veröffentlicht 1991 sein Meisterwerk «Engelberg». So viel zu den aktuellen Ereignissen.

In dieser Zeit haben die begeisterten Mitglieder des Informatikclubs aus Bellevue meist nur Augen für die Bildröhre ihres Computerbildschirms. Zwei von ihnen, Boris Siegenthaler und Fabian Lucchi, eröffnen 1994 in Châtelaine einen kleinen Computerladen namens Siegenthaler & Lucchi, Infomaniak. Es wird ein Erfolg. Die Revolution kommt mit der Entdeckung des Internets. Eine Offenbarung. 1999 ändern die beiden Gesellschafter den Namen ihres Unternehmens: Infomaniak Network SA war geboren. Das Unternehmen konzentriert sich schnell auf das Hosting von Websites. Bereits 2003 hostete es mehr als 3’000 Websites und wurde zum führenden Hosting-Anbieter in der Westschweiz.

Fast 25 Jahre später haben die Räumlichkeiten von Infomaniak nicht mehr viel mit der kleinen Ladenzeile in Châtelaine zu tun. Am Firmensitz im Genfer Stadtteil Acacias empfängt Bruce Banner den Besucher – in Gestalt des unglaublichen Hulk mit hervorstehenden grünen Muskeln. Zwar ähneln die Büros an sich jedem beliebigen Grossraumbüro, die Besprechungsräume hingegen haben alle ein ganz eigenes Ambiente. Hier ein Raum, der wie das Oval Office im Weissen Haus gestaltet ist, dort ein Salon im Oma-Stil, weiter entfernt der Katzenraum und ein Restaurant im Stil eines amerikanischen Diners. «Alle Räume wurden von unseren Mitarbeitenden und von mir selbst gestaltet», erzählt Boris Siegenthaler.

Derzeit beschäftigt Infomaniak 330 Mitarbeitende, alle in der Schweiz. Die Belegschaft hat sich seit 2019 fast verdreifacht, was das Unternehmen dazu veranlasste, auf weitere Etagen in dem Gebäude auszuweichen, das die Firma nutzt. In jedem Stockwerk tauchen weitere Statuen und Superhelden-Figuren auf, die dem Ganzen die Atmosphäre eines Labyrinths verleihen, das aus traditionellen Büros sowie aus Räumen an der Schnittstelle zwischen Weltraum und Geek-Kultur besteht. So viel zum äusseren Erscheinungsbild.

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Vor fünf Jahren war die souveräne Cloud noch ein Nischenmarkt, heute ist sie ein Muss
Marc Oehler, CEO von Infomaniak

Was das Management betrifft, so hat Boris Siegenthaler, der legendäre Infomaniak-CEO über 26 Jahre hinweg, im Dezember 2020 die Leitung des Unternehmens an Marc Oehler übergeben. Siegenthaler ist nun als Chief Strategy Officer tätig. Ein Wandel im Zeichen der Kontinuität, da Marc Oehler bereits 2003 im IT-Support von Infomaniak angefangen hatte.

Was die Zahlen angeht, feierte das Unternehmen am 1. Oktober einen fulminanten Börseneinstieg. Von einem Eröffnungskurs von 56 Franken stieg die Aktie auf bis zu 140 Franken, um ihren ersten Handelstag schliesslich bei 85 Franken zu beenden. «Wir haben eine Marktkapitalisierung von mehr als 300 Mio. Franken erreicht, das ist mehr als die prognostizierte Spanne», schwärmt Marc Oehler, CEO von Infomaniak. Nun liege es am Markt, den weiteren Verlauf der Börsenentwicklung zu bestimmen, sagt er.

Das robuste Wachstum des Unternehmens spricht jedenfalls für sich. Im Jahr 2025 belief sich der Umsatz auf 54,2 Mio. Franken, was einem Anstieg von 13,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht, bei einem EBITDA von 19,9 Mio. Franken, das wiederum im Jahresvergleich um 14,2 Prozent gestiegen ist. Zwar verzeichnen alle Geschäftsbereiche Wachstum, doch der eigentliche Motor für die Unternehmensergebnisse ist der Markt für souveräne Cloud-Lösungen. «Vor fünf Jahren war die souveräne Cloud noch ein Nischenmarkt, heute ist sie ein Muss», betont Marc Oehler. Ein Muss, das seit den Anfängen in der DNA des Unternehmens verankert ist.

«Alles, was derzeit geschieht – das Bewusstsein für die Bedeutung digitaler Souveränität und die Umweltproblematik der Rechenzentren –, habe ich vorausgesehen. Ich dachte nur, es würde schneller gehen. Aber dass wir in den 2000er-Jahren angefangen haben, ist heute ein Vorteil. Während alle unsere Mitbewerber versuchen, sich im Bereich der souveränen Cloud zu positionieren, tun wir das schon seit Langem», betont Boris Siegenthaler. «Sämtliche unserer Mitarbeitenden sind in der Schweiz beschäftigt, unsere Rechenzentren befinden sich in der Schweiz und unsere Software wird ebenfalls in der Schweiz entwickelt. Natürlich wäre es kostengünstiger, Entwickler im Ausland zu beschäftigen. Aber wir legen Wert auf diese lokale Verankerung, die es uns ermöglicht, eine durchgängige Souveränität zu gewährleisten.»

Das Unternehmen vermarktet insgesamt rund 50 Produkte, darunter die künstliche Intelligenz Euria, die Office-Suite kSuite als Alternative zu Microsoft 365 und Google Workspace sowie SwissTransfer, das insbesondere mit WeTransfer konkurriert. Zu seinen Kunden zählt beispielsweise die belgische Rundfunk- und Fernsehanstalt der Französischen Gemeinschaft (RTBF), die Infomaniak mit der Live-Übertragung der Spiele der letzten Fussball-Weltmeisterschaft beauftragte. Aber auch das Schweizer Universitätsspital Waadt (CHUV), dessen Website von Infomaniak gehostet wird, der Fernsehsender Léman Bleu sowie die Radiosender NRJ und France Info.

Insgesamt zählt Infomaniak derzeit mehr als 300’000 zahlende Kunden. 2025 hat das Unternehmen insgesamt 33,5 Prozent des Nettoumsatzes ausserhalb der Schweiz erzielt. Dabei entfielen auf Frankreich 21,9 Prozent, gefolgt von Belgien mit 4,3 Prozent sowie Deutschland und Italien.

«Unsere zehn grössten Kunden machen weniger als 2 Prozent unseres Umsatzes aus. Das bedeutet, dass die Auswirkungen auf unser Ergebnis begrenzt wären, sollte uns einer von ihnen verlassen», erklärt Céline Morey, CFO von Infomaniak. «Und die kostenlosen Konten bilden einen bedeutenden Kundenstamm.» Tatsächlich dienen kostenlose Dienste wie E-Mail-Postfächer, begrenzte Datenspeicher oder auch die Datenübertragung (SwissTransfer) – ähnlich wie bei Apple und Google – oft als Einstieg in kostenpflichtige Produkte.

Aber warum sollte man sich für das Genfer Unternehmen entscheiden, wenn man die Dienste eines US-Giganten in Anspruch nehmen kann? «Kunden entscheiden sich vor allem aus drei Gründen für einen Wechsel zu Infomaniak: Kosten, Leistung und insbesondere Souveränität», meint Marc Oehler. «Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Gartner werden mehr als 75 Prozent der Unternehmen ausserhalb der USA bis 2030 eine Strategie zur digitalen Souveränität umsetzen.»

Um sicherzustellen, dass diese digitale Souveränität und die Verankerung in der Schweiz Bestand haben, hat Boris Siegenthaler am 13. Mai 2026 die Stimmrechtsmehrheit des Unternehmens auf eine gemeinnützige Schweizer Stiftung übertragen: die Fondation Infomaniak. Diese hält nun die Stimmrechtsmehrheit in Form von Sonderaktien. Ohne die Zustimmung der Stiftung kann das Unternehmen niemals in ausländische Hände fallen oder der Willkür von Investoren ausgeliefert sein, die seine DNA verändern möchten.

«Tausende Privatpersonen, Unternehmen und Institutionen vertrauen uns jeden Tag ihre sensibelsten Daten an. Wir waren es ihnen schuldig, deren Sicher heit langfristig zu gewährleisten», begründet Boris Siegenthaler diesen Schritt.

Doch für den Gründer ist die Souveränität nicht das einzige Argument im Wettbewerb. «Technologie muss auch ethisch und ökologisch sein», sagt er, «deshalb bauen wir Rechenzentren in überschaubarer Grösse, deren Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich gehalten werden.»

Um dies zu überprüfen, geht es in das Quartier La Chapelle-Les Sciers in Plan-les-Ouates (GE). Die nagelneuen Gebäude gehören zu der Wohngenossenschaft La Bistoquette, die nach eigenen Angaben «umweltbewusst und partizipativ» aufgestellt ist. Bei einem Spaziergang durch die Strassen kann man sich kaum vorstellen, dass in dieser Gegend ein Rechenzentrum auf Hochtouren läuft, das sogenannte D4. Es befindet sich unter unseren Füssen, genau dort, wo eigentlich eine Tiefgarage für die Wohnanlage hätte entstehen können. Unsichtbar.

Das im Januar 2025 eröffnete D4 ist das jüngste Rechenzentrum von Infomaniak, es ist eines von insgesamt vier. Julien Bonnat, Head of Datacenter bei Infomaniak, führt uns durch die Anlage. Auch er trägt Shorts. «Jede Tür, die zu den Servern führt, verfügt über eine Zugangskontrolle. Die meisten davon erfordern eine doppelte Identifizierung – Gesichtserkennung und Fingerabdruck. Und die gesamte Ausrüstung des Zentrums ist alarmgesichert», erklärt Julien Bonnat, als er uns in diesen hochgesicherten Bereich begleitet.

Bei voller Auslastung können wir die Menge an Wärme decken, der dem Heizbedarf von 6ʼ000 Wohnungen entspricht
Julien Bonnat, head of datacentre bei Infomaniak

Auf einer Fläche von 1’800 Quadratmetern, was vier Basketballfeldern entspricht, sind nahezu 6’000 Server untergebracht. Bis 2028, wenn das D4 seine volle Kapazität erreicht hat, sollen es 10’000 Server sein. Zum Vergleich: Das 2026 in Ohio in Betrieb genommene Prometheus-Rechenzentrum von Meta wird sich nach seiner vollständigen Fertigstellung über 350’000 Quadratmeter erstrecken. Im Inneren des D4 sieht man die Reihen von Serverracks, die leise surren und ununterbrochen blinken. Ein kleines Hindernis für die Souveränität gibt es dann doch: Die Server sind mit B300-GPUs des amerikanischen Unternehmens Nvidia ausgestattet. Allerdings ist auch kein europäischer Anbieter in der Lage, gleichwertige Hardware zu liefern. Rund um diese Rechenmonstren wird es heiss. Sehr heiss. Je nach Standort zwischen 30 und 45 Grad Celsius. Das erklärt die Flip-Flops und Shorts unserer Gastgeber im Nachhinein voll und ganz.

So unscheinbar das D4 von aussen daherkommt, so unauffällig ist es auch in ökologischer Hinsicht. Der Strom, mit dem es betrieben wird, stammt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Auf Gruppenebene werden fast 30 Prozent des Strombedarfs durch Solarenergie gedeckt. «Im Gegensatz zur grossen Mehrheit der Rechenzentren weltweit verwenden wir keine Klimaanlagen», betont Julien Bonnat und erklärt: «Die Kühlung der Server erfolgt vielmehr durch zirkulierende Luft.»

Der Ingenieur zeigt auf den Doppelboden, durch den die kühle Luft in den Serverraum strömt. Trotz der Kühlung zeigt das Thermometer dort noch fast 30 Grad an. Nachdem die Luft die Server durchlaufen hat, erwärmt sie sich auf etwa 40 bis 45 Grad. Diese warme Abluft wird aufgefangen und durch einen Wärmetauscher geleitet, der die enthaltene Wärmeenergie auf einen Wasserkreislauf überträgt. Die abgekühlte Luft wird anschliessend zu den Servern zurückgeführt. Gleichzeitig erhöhen Wärmepumpen die Wassertemperatur bis auf 82 Grad, je nach Bedarf, um das Wasser in das Fernwärmenetz der Services Industriels de Genève (SIG) einspeisen zu können.

Das heisst also: Keine Klimaanlage, keine wasserverbrauchenden Kühltürme und keine Energie, die in die Atmosphäre abgegeben wird. Im Gegenteil: «Dank unseres Rechenzentrums geht die Wärme nicht verloren. Bei voller Auslastung wird es möglich sein, die Menge an Wärme zu erzeugen, die dem Heizbedarf von 6’000 sehr gut gedämmten Wohnungen entspricht », erklärt Julien Bonnat. Doch warum verfolgen nicht alle Akteure der Branche eine ähnliche Strategie, wenn es doch möglich ist, Rechenzentren ohne Klimatisierung zu betreiben? «Es mangelt an Mut», antwortet Boris Siegenthaler. Herkömmliche Rechenzentren blasen Luft mit einer Temperatur von 20 Grad über ihre Server. Führt man den Servern Luft mit 30 Grad Temperatur zu, dann ändert sich nichts, da die Prozessoren bei Temperaturen zwischen 60 und 85 Grad arbeiten. Es reicht aus, die Luft schneller zirkulieren zu lassen, wenn sie wärmer ist. Unsere Rechenzentren werden auf diese Weise seit 2013 ohne Klimaanlage betrieben.»

Infomaniak ist stolz darauf, das gesamte Konzept des Rechenzentrums eigenständig realisiert zu haben. Mehr noch: Das Unternehmen will auch andere dazu inspirieren, diesem Beispiel zu folgen. «Anstatt dieses Know-how für uns zu behalten, haben wir es als Open Source veröffentlicht: Die gesamte technische Dokumentation ist auf d4project.org zugänglich», erklärt Boris Siegenthaler. «Unser Ziel ist es, dass dieses Modell überall kopiert und verbreitet wird, wo es möglich ist.»

Vor diesem Hintergrund beobachtet Infomaniak aus der Ferne den wachsenden Widerstand gegen Rechenzentren in den USA, der insbesondere auf deren enormen Stromverbrauch zurückzuführen ist. «Unser Ansatz dürfte den Widerstand gegen den Bau unserer nächsten Rechenzentren eindämmen», erklärt Thomas Jacobsen, der Mediensprecher des Unternehmens, und fährt fort: «Im Gegenteil. Mehrere Gemeinden haben sich bereits an uns gewandt, weil wir zu ihrem Fernwärmenetz beitragen können.»

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