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Hier wird das grosse Rad gedreht

Dossier
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Die Glücksspielbranche verzeichnet seit 2020 ein kontinuierliches Umsatzplus. Und dennoch hat sie an der Börse zu kämpfen.

Wer wird die Fussballweltmeisterschaft gewinnen? Brasilien, Frankreich, Spanien oder ein anderes Land? Die Wetten sind eröffnet. Und es werden viele sein. «In der Glücksspielbranche ist ein WM-Effekt zu beobachten, mit einem Anstieg der Einsätze bis zu 10 Prozent», sagt Johanna Jourdain, Aktienanalystin bei Oddo BHF. «Solche aussergewöhnlichen Events sind nach wie vor ein wichtiger Motor für zusätzliche Einsätze in der Sportwettenbranche.» Doch für die gesamte Glücksspielbranche erweist sich 2026 als ein ganz besonderes Jahr. Ausser der Weltmeisterschaft, die noch bis zum 19. Juli in den USA, Kanada und Mexiko stattfindet, gibt es diesmal drei Freitage, die auf den 13. fallen. Das sorgt für zusätzliche Einnahmen in einer Branche, die keine Krisen kennt.

Immerhin sind seit der Pandemie die Bruttoeinnahmen aus Glücksspielen kontinuierlich gestiegen, von 424 Mrd. Dollar im Jahr 2020 auf 758 Mrd. im Jahr 2025. Das geht jedenfalls aus den jüngsten Erhebungen des Beratungsunternehmens H2 Gambling Capital hervor. «Die Glücksspielbranche ist ein wachsender, resilienter und defensiver Markt», erklärt Johanna Jourdain. «Sie ist nicht von Konjunkturzyklen abhängig. Die Einsätze steigen seit 2021 Jahr für Jahr, selbst in Krisenzeiten. »

Alle Segmente der Glücksspielbranche wachsen: Casinos, Sportwetten und Lotterien
Johanna Jourdain, Aktienanalystin bei Oddo BHF

Ein Glücksfall angesichts der aktuellen geopolitischen Spannungen weltweit. Laut H2 Gambling Capital dürften die Bruttoeinnahmen der Branche, also die Verluste der Spieler, bis 2030 die symbolische Marke von 1’000 Mrd. Dollar überschreiten. Das wäre ein Anstieg von mehr als 140 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Der Haupttreiber dieses Wachstums sei der Boom bei Online-Spielen und -Wetten, heisst es bei H2 Gambling Capital. Während dieser Vertriebskanal 2015 lediglich 20 Prozent der Branchenumsätze ausmachte, lag er 2024 bereit bei 41 Prozent und dürfte bis 2029 zur wichtigsten Umsatzquelle der Branche avancieren (50,3 Prozent). Dennoch sind die physischen Spiele nicht rückläufig. «Die Branche verzeichnet insgesamt ein Wachstum», sagt Johanna Jourdain. «Der digitale Bereich wächst um 5 bis 10 Prozent pro Jahr, während die physischen Umsätze jährlich maximal bis zu 5 Prozent zulegen. » Über alle Vertriebskanäle hinweg bleiben Spiele (Casinos, Spielautomaten, Bingo etc.) die wichtigste Kategorie innerhalb der Branche. Sie dürften im Jahr 2030 schätzungsweise 546 Mrd. Dollar erwirtschaften, was rund 53 Prozent der gesamten Bruttoeinnahmen entspricht.

Hinzu kommen Wetten auf Pferderennen und Sportwetten mit einem Anteil von etwa 30 Prozent sowie Lotterien mit 18 Prozent (181 Mrd. Dollar im Jahr 2030). «Abgesehen von den Pferdewetten, die einen leichten Rückgang verzeichnen, wachsen alle Segmente der Glücksspielbranche: Casinos, Sportwetten und Lotterien», berichtet Johanna Jourdain.

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Trotz dieser erfreulichen Aussichten haben die meisten Unternehmen, die auf Glücksspiele spezialisiert sind, an der Börse zu kämpfen. Unter den grossen europäischen Anbietern büsste die französische FDJ United innerhalb eines Jahres (bis Ende Mai) fast 30 Prozent ihres Aktienwerts ein. Dem britischen Unternehmen Entain erging es kaum besser (-28 Prozent) und die schwedische Betsson AB verzeichnete sogar einen Rückgang um 50 Prozent, während die Aktie des irischen Unternehmens Flutter Entertainment im gleichen Zeitraum um 60 Prozent einbrach.

Nur wenige Anbieter scheinen sich so gut zu behaupten wie beispielsweise das schwedische Unternehmen Evolution AB, das Software für Online-Casinos entwickelt (+5 Prozent im Jahresvergleich). Aus übergeordneter Perspektive zeigt sich, dass der ETF BETZ Sports Betting & iGaming, der die weltweit wichtigsten Branchenakteure umfasst, zwar im Jahresvergleich stabil geblieben ist (-0,61 Prozent zum 31. März), über einen Zeitraum von fünf Jahren aber einen Rückgang von 9,24 Prozent verzeichnete. Wie ist das zu erklären?

Mehrere europäische Staaten, darunter Frankreich, die Niederlande, Grossbritannien und Rumänien, haben kürzlich ihre Gesetzgebung verschärft und/ oder die Steuern auf Glücksspiele erhöht. Seit dem 1. Juli 2025 hat das französische Finanzministerium beispielsweise den Steuersatz auf Glücksspielumsätze von 11,2 Prozent auf 11,9 Prozent angehoben. Ähnlich verhält es sich in Grossbritannien: Seit dem 1. April 2026 sind hier die Steuern auf Online-Casinospiele von 21 Prozent auf 40 Prozent gestiegen, und im April 2027 werden die Steuern auf Online-Wetten von 15 Prozent auf 25 Prozent angehoben, mit Ausnahme der britischen Pferdewetten.

Im Geschäftsjahr 2025 kostete die Steuererhöhung FDJ United immerhin mehr als 50 Mio. Euro. Der Glücksspielund Wettanbieter rechnet für 2026 mit Mehrkosten von fast 90 Mio. Euro. Dies schmälert die Margen des französischen Unternehmens sowie seiner Konkurrenten und trägt dazu bei, dass die Aktienkurse fallen. Dies geht so weit, dass viele Analysten der Ansicht sind, dass bestimmte Titel nun unterbewertet seien. Im März 2026 beispielsweise bezeichnete die deutsche Investmentbank Berenberg den Kursrückgang von Entain als «unbegründet».

Johanna Jourdain, die die Aktie von FDJ United beobachtet, ist der Auffassung, dass das französische Unternehmen nun «unterbewertet» sei. Doch dieses Bewertungsniveau spiegele auch die regulatorischen Risiken wider, denen die Branche ausgesetzt sei. Der richtige Zeitpunkt, um zu investieren? «Dies ist ein Sektor, in dem sich Anleger nicht blindlings engagieren sollten. Es gibt keine Garantie dafür, dass die Steuererhöhungen vorbei sind. In verschuldeten Staaten suchen die Regierungen nach Finanzmitteln, und in diesem Zusammenhang sind Glücksspielunternehmen bevorzugte Ziele», betont Johanna Jourdain. Es sei daher zu früh, um zu sagen, dass es keine neuen Abgaben mehr geben werde. «Die Vorschriften können sich jederzeit ändern.»

In einer bissigen Kolumne, die am 1. April 2026 veröffentlicht wurde, zeigt sich Stella David, CEO der britischen Entain-Gruppe, alarmiert über die Steuererhöhungen: «Dies ist ein entscheidender Wendepunkt für die Branche. Die Erhöhung der Steuer auf Online-Glücksspiele (…) zielte darauf ab, die Staatskasse zu füllen. Doch durch die nahezu Verdoppelung der Steuer für regulierte Unternehmen auf 40 Prozent gefährdet die Regierung die Existenz der regulierten Glücksspielanbieter, die ihre Steuern im Vereinigten Königreich zahlen, Tausende von Menschen beschäftigen, in den britischen Sport investieren und einige der weltweit strengsten Sicherheitsstandards für Spieler anwenden. Und das vor einer Weltmeisterschaft, die kriminelle Netzwerke für sich ausnutzen möchten.»

«Die Zunahme illegaler Wetten ist das Argument, das die Glücksspielindustrie vorbringt, um die Regulierung einzuschränken», konstatiert Dr. Olivier Simon, Mediziner am Zentrum für exzessives Glücksspiel am Universitätsspital Lausanne (CHUV). «Und es stimmt, dass dies ein Problem ist, das man auch bei anderen Suchterkrankungen wie dem Tabakkonsum beobachtet. Wenn die Regulierung zu restriktiv wird oder das Produkt zu teuer, wenden sich die Kunden illegalen Angeboten zu.»

Immer mehr Betreiber ohne Konzession

Eine von KPMG im Auftrag des Schweizer Casino-Verbands (FSC) durchgeführte Studie hat 2024 ergeben, dass Betreiber ohne Konzession bereits rund 40 Prozent des Schweizer Markts für Online-Casinos hielten. Für Entain-CEO Stella David sind die Zahlen aus Grossbritannien ebenfalls besorgniserregend: «Die Lage ist katastrophal. Illegales Glücksspiel boomt bereits und macht nach einem starken Wachstum in den letzten Jahren mittlerweile etwa 10 Prozent des Marktes aus.»

Weltweit prognostiziert das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC), dass der illegale Markt während der Fussball-WM den regulierten Sektor hinsichtlich des Gesamtvolumens übertreffen könnte. «Ohne rasche Massnahmen wird die Weltmeisterschaft zur grössten Rekrutierungskampagne aller Zeiten für illegale Wettnetzwerke», fährt Stella David fort.

Angesichts dieser Bedrohung hat die legale Branche eine umfassende Konsolidierungswelle eingeleitet. Der irische Konzern Flutter Entertainment beispielsweise übernahm 2020 das kanadische Unternehmen The Stars Group (TSG) für sechs bis sieben Mrd. Dollar. Letzteres hatte zuvor im Jahr 2018 das britische Unternehmen Sky Betting & Gaming für 4,7 Mrd. Dollar erworben. Die französische Gruppe FDJ United wiederum hat 2024 ihren schwedischen Konkurrenten Kindred für 2,5 Mrd. Euro übernommen. Und das ist noch nicht alles: Das griechische Unternehmen Bally’s Intralot hat kürzlich die Übernahme seines britischen Pendants Evoke bekannt gegeben. 

«Die Glücksspielbranche wird sich weiter konsolidieren», schätzt Johanna Jourdain, «denn als grosser Akteur, der auf mehreren Märkten präsent ist, lassen sich die Risiken begrenzen, die mit einer Steuererhöhung in einem bestimmten Land verbunden sind.» So viel steht fest: Am Ende räumt immer die höchste Karte den Einsatz ab.

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