Die phänomenale Entwicklung der künstlichen Intelligenz (KI) verspricht der Robotikindustrie eine strahlende Zukunft. Die Branche dürfte schon bald ein jährliches Wachstum von mehr als 30 Prozent verzeichnen.
1 Million: So viele Roboter soll Amazon im Juni 2025 in seinen Vertriebszentren eingesetzt haben. Laut «Wall Street Journal» verfügt der E-Commerce-Riese an seinen Standorten nun über «fast genauso viele Roboter wie Mitarbeitende». Keines der futuristischen Hightechgeräte sieht allerdings aus wie ein Mensch, und sie erledigen auch nur ganz bestimmte Aufgaben: Hercules, ein kleiner blauer Roboter, kann Waren von bis zu 565 Kilogramm transportieren; Proteus, ein autonomer mobiler Roboter (AMR), bewegt sich frei in Logistikzentren und ist imstande, beim Hin-und-her-Transportieren von Warencontainern allen Hindernissen gezielt auszuweichen. Und Vulcan, der erste Roboter mit Tastsinn, verfügt über komplexe Greif- und Hebefunktionen, mit denen er Produktpakete mühelos in den obersten Regalreihen verstaut.
Anders als herkömmliche Roboter verfügen KI-gesteuerte Roboter über völlig neue Fähigkeiten: Sie können auf Basis von Sprachmodellen (LLM, Large Language Models) intuitiv mit Menschen kommunizieren, sich autonom fortbewegen oder neue Aufgaben lernen, indem sie Daten aus menschlichen Beobachtungen oder Videos nutzen. «Die Robotik bietet faszinierende Perspektiven», schwärmt Hamish Maxwell, Investmentexperte bei Baillie Gifford. Ihre Entwicklung im nächsten Jahrzehnt könnte seiner Meinung nach so ähnlich verlaufen, wie das anfänglich bei Elektroautos der Fall gewesen sei: Auf eine erste Phase stetiger Iterationen folgte ein exponentielles Wachstum.
Im Gegensatz zu Humanoiden mit menschenähnlichem Aussehen, die derzeit alle Blicke auf sich ziehen (s. Zwischen Traum und Wirklichkeit), unterscheiden sich KI-Roboter in ihrer Form vom Menschen, da sie für sehr spezifische Anwendungen bestimmt sind. Dies könnte zahlreiche Bereiche wie Medizin, Rüstung oder Dienstleistungen revolutionieren. «Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Roboter zu konzipieren», erläutert Humberto Nardiello, Fondsmanager bei DPAM. «Entweder man stellt sich eine Maschine vor, die uns ähnelt – einen Humanoiden. Oder man denkt an etwas völlig anderes. Beide Ansätze haben ihre Vor- und Nachteile. Die Infrastruktur, in der wir leben, ist für Menschen konzipiert, weshalb es sinnvoll ist, Humanoiden zu entwickeln, die sich darin integrieren lassen, ohne unsere Umgebung zu verändern. Anthropomorphe Maschinen sind jedoch viel schwieriger zu entwickeln.»
Aber was macht das schon. Für unzählige Anwendungen, insbesondere in der Industrie, müssen keine Stufen erklommen werden. Nach autonomen Autos, die eines der ersten Beispiele für funktionsfähige autonome Maschinen sind, dürften KI-Roboter den Planeten lange vor den Humanoiden erobern. So sehen es jedenfalls Experten. «Die Industrie ist der erste adressierbare und monetarisierbare Markt für KI-Roboter», sagt Karen Kharmandarian, CIO und Portfoliomanagerin bei Mirova. «Fabriken verfügen in der Tat über langjährige Erfahrung im Einsatz von Robotern. Der nächste Schritt ist der Übergang zu intelligenteren Maschinen, die weniger repetitive Aufgaben ausführen und mit Menschen interagieren können.»

Doch das ist nicht alles. «Mit der zunehmenden Kombination von KI-Software und Präzisionshardware wird man Roboter über kontrollierte Fabrikumgebungen hinaus auch immer mehr in den Alltag integrieren», prognostiziert Hamish Maxwell.
Auch wenn die Schätzungen und Berechnungsmethoden der verschiedenen Analyseunternehmen stark variieren, sind sich alle einig, dass die KI-Robotik in den nächsten Jahren ein starkes Wachstum verzeichnen werde. Laut Fortune Business Insight wird dieser Markt von 6,19 Mrd. Dollar im vergangenen Jahr bis 2034 auf 60,68 Mrd. anwachsen, was einem jährlichen Plus von 37,02 Prozent entspräche. Grand View Research rechnet damit, dass der Umsatz des Sektors von 2023 bis 2030 von 12,77 Mrd. auf 124,77 Mrd. Dollar steigen wird. Das entspräche für diesen Zeitraum einem jährlichen Wachstum von 38,5 Prozent.
«Der Markt für KI-gestützte Robotik tritt in den nächsten fünf bis zehn Jahren in eine Phase beschleunigten Wachstums ein», ist Matthias Röser, Partner bei BearingPoint, überzeugt. «Der weltweite Robotikmarkt dürfte insgesamt mit einer jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von etwa 13 bis 15 Prozent wachsen. Das Segment der KI-Robotik wird voraussichtlich noch schneller zulegen, von etwa 17 Mrd. Dollar im Jahr 2024 auf über 300 Mrd. im Jahr 2034. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von fast 34 Prozent.»
Ist angesichts dieser vielversprechenden Aussichten nun der richtige Zeitpunkt für Privatanleger gekommen, auf den Zug der KI-Robotik aufzuspringen? «Die kurze Antwort lautet: Auf jeden Fall!», sagt Nicola Tomatis, Präsident der Swiss Robotics Association, lächelt und gibt auf die Frage auch eine lange Antwort: «Die Robotik ist ein zyklischer Sektor, der von der Investitionsbereitschaft der Unternehmen abhängt.» Bei geopolitischen und/oder makroökonomischen Krisen führe die Unsicherheit dazu, dass Unternehmen ihre Investitionen herauszögerten, so der Experte, was das Wachstum der Robotik verlangsame. «COVID, der Krieg in der Ukraine, die Lieferkettenkrise und die US-Zölle haben in den letzten Jahren zu einem Rückgang der Investitionen geführt. Aber all das ist nur vorübergehend. Wir brauchen mehr Robotik. In einer stabilen Welt wächst dieser Sektor exponentiell.»
Warum das so ist, erklärt Karen Kharmandarian: «KI-Roboter können ein Defizit ausgleichen. Aufgrund des demografischen Wandels werden viele Länder mit einem Mangel an Arbeitskräften konfrontiert sein.» Diese Lücke füllen nun KI-Roboter, indem sie den Menschen bei den unangenehmsten und gefährlichsten Aufgaben ersetzen.
Für Privatanleger erweist sich der Sektor allerdings als schwierig. «Die KI-Robotik ist nach wie vor eine sehr fragmentierte Branche mit vielen nicht börsenkotierten Start-ups und börsenkotierten Unternehmen, die noch in vielen anderen Bereichen tätig sind», erklärt Karen Kharmandarian. Pieter Busscher, Portfoliomanager bei Robeco, empfiehlt, eher die Aktivitäten der Schaufelverkäufer als die der Goldgräber zu verfolgen: «Man muss sich für die Zulieferer der Robotikindustrie interessieren und schauen, wer die wesentlichen Komponenten wie Chips, Sensoren, Batterien und das mechanische System, das etwa 50 Prozent der Produktionskosten ausmachen kann.»
Dazu gehören natürlich Tech-Konzerne wie Google und Nvidia, aber zum Beispiel auch Qualcomm Technologies. Das Unternehmen hat im Januar 2026 eine komplette Architektur für die Robotik vorgestellt, die den neuesten Prozessor, die Software und die künstliche Intelligenz von Qualcomm integriert.
Die Robotisierung könnte die Rückverlagerung bestimmter Fabriken ermöglichen
Welche Jobs werden überflüssig?
Eine heikle Frage bleibt: Werden Roboter die Arbeit aller Menschen übernehmen? «Wie bei allen technologischen Revolutionen werden einige Berufe verschwinden, aber andere werden entstehen. Webdesign zum Beispiel gab es vor dem Aufkommen des Internets noch nicht. Aber in vielen Berufen wird es weniger darum gehen, dass sie verschwinden, als vielmehr um die Aufteilung der Aufgaben zwischen Mensch und Maschine», erinnert Karen Kharmandarian. «Diesmal gibt es jedoch einen Unterschied: Roboter werden gleichzeitig sehr viele Branchen betreffen. Es ist eine Herausforderung für unsere Volkswirtschaften, sich darauf einzustellen.»
Pieter Busscher von Robeco bestätigt, dass es Auswirkungen auf die Beschäftigung geben werde. «Gleichzeitig könnte die Robotisierung jedoch die Rückverlagerung bestimmter Fabriken ermöglichen. Ausserdem werden Roboter zunächst die unangenehmsten und gefährlichsten Berufe ersetzen. Darüber hinaus werden sie mehr Freizeit bieten», so Pieter Busscher.
Auch Tech-Giganten haben das Thema auf der Agenda. Elon Musk ebenso wie Sam Altman, Chef von OpenAI, plädieren seit Jahren für die Einführung eines universellen Grundeinkommens, um den KI-bedingten Verlust von Arbeitsplätzen auszugleichen. Altman hat sogar eine Studie zu dem Thema finanziert. Die Chefs aus dem Silicon Valley stellen sich für die Welt von morgen eine Freizeitgesellschaft vor, in der das Elend beseitigt ist und die Menschen, die ein universelles Grundeinkommen erhalten, ihre Freizeit geniessen können, während Roboter, die von einer Superelite entwickelt werden, sich um alles kümmern. Eine Traumgesellschaft oder eher eine dystopische Welt?
