Dank der Fortschritte in der KI kommen immer häufiger Maschinen in medizinischen Einrichtungen zum Einsatz und verbessern die Patientenversorgung. Auch Operationen, die vollständig von Robotern durchgeführt werden, sind keine Utopie mehr.
Das ist zweifellos die schönste Geschichte in dieser Ausgabe von «Swissquote Magazine». Sie wird von Dr. Julien Welmant erzählt, einem Onkologen und Strahlentherapeuten, der sich auf die Behandlung von Tumoren bei Kindern und jungen Erwachsenen am Krebsinstitut von Montpellier (ICM) spezialisiert hat. «Der Gang in den Strahlentherapieraum ist für Kinder ein echter Schock, weil sie alleine hingehen müssen.
Ohne Eltern und ohne Begleitpersonal, da zur Behandlung ihres Krebses Röntgenstrahlen eingesetzt werden. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein kleines Mädchen, das vor jeder Sitzung eineinhalb Stunden lang weinte, und das zwei Monate lang. Es war schrecklich. Ich musste sie jedoch in den Raum bringen, was für mich eine echte Qual war», erinnert sich der Arzt. «Dann stiess ich während einer Reise nach Japan in einem Geschäft auf einen beeindruckenden Roboter. Da machte es klick: Ich sagte mir, dass es möglich sein müsse, einen Roboter zu entwickeln, der Kinder in einen Strahlentherapieraum begleitet.»
Zurück in Frankreich wandte sich der Mediziner an mehrere auf Robotik spezialisierte Unternehmen. Eines davon nahm die Herausforderung an: das Pariser Start-up Enchanted Tools, das seit vielen Monaten an der Entwicklung eines Roboters arbeitete. «Dank zahlreicher Spenden haben wir mehr als 150’000 Euro zur Finanzierung gesammelt», erzählt Julien Welmant. So entstand Mirokaï – ein kleiner Roboter mit grossen, ausdrucksstarken Augen, Hasenohren und leuchtenden Farben, der direkt aus den Disney-Studios zu stammen scheint. «Seit vier Monaten werden alle Kinder des ICM von Mirokaï begleitet», fährt Julien Welmant fort. «Und man sieht wirklich einen Unterschied: Der Roboter nimmt die gesamte mentale Belastung und den Stress des Kindes, aber auch der Eltern und des Pflegepersonals auf.»

Konkret kommt der kleine Roboter bereits bei den ersten Konsultationen zum Einsatz, um eine Beziehung zum Kind aufzubauen. Ausgestattet mit ChatGPT ist Mirokaï in der Lage, sich mit den Kleinen zu unterhalten, sich mit ihnen zu bewegen, ihrem Gesicht zu folgen, ihnen die Hand zu geben oder Gegenstände zu greifen. «Die Vier-bis Siebenjährigen neigen dazu, sich hinzusetzen und den Geschichten des Roboters zuzuhören. Bei den Fünf-bis Zwölfjährigen findet eine echte Interaktion statt. Die erste Patientin, die von Mirokaï begleitet wurde, konnte es nicht ertragen, in den Strahlentherapieraum zu gehen», erinnert sich Julien Welmant. «Als der Roboter begann, sie zu begleiten, rannte sie gleich dorthin.»
Es gibt jedoch noch einiges zu verbessern: «Mirokaï wird autonomer werden und bald in der Lage sein, mehr Aufgaben wie kleine logistische Arbeiten zu übernehmen. Wir machen auch Fortschritte, wenn es darum geht, mit einer ganzen Gruppe von Menschen zu interagieren», erklärt Blaise de Préville, Sales-Manager bei Enchanted Tools. Im Krankenhaus muss der Roboter in bestimmten Situationen noch ferngesteuert werden, damit er vor den Kindern keine Fehler macht. Die endgültige Version soll 2027 auf den Markt kommen. Für diesen Zeitraum plant das Unternehmen zahlreiche Anwendungsfälle: «Unser Roboter könnte in Seniorenheimen eingesetzt werden, um ältere Menschen zu stimulieren», erklärt Blaise de Préville, «aber auch in Hotels und Restaurants sowie auf Flughäfen.» Für Julien Welmant ist jedoch etwas anderes wichtig: «Dass alle Kinder, die wegen Krebs behandelt werden, von einer solchen Begleitung profitieren können.»
Wie Mirokaï tauchen immer mehr Roboter in Krankenhäusern auf. «Insbesondere aufgrund der alternden Bevölkerung wird der medizinische Sektor einen wichtigen Absatzmarkt für KI-Roboter darstellen. Der weltweite Einsatz humanoider Roboter könnte sich etwa bis Mitte der 2030er-Jahre auf mehr als eine Million Exemplare steigern. Langfristig läge das Potenzial bei einem Humanoiden pro Pflegeperson», betont Pieter Busscher, Portfoliomanager bei Robeco. Der derzeitige Marktführer in diesem Bereich ist zweifellos das Unternehmen Intuitive Surgical, das die fünfte Generation seines Operationsroboters Da Vinci auf den Markt bringt. Die US-Firma ist zwar ein Pionier, steht mittlerweile aber auch in Konkurrenz zu Unternehmen wie Sagebot, Edge Medical und Medbot, alle aus China, die kürzlich die CE-Kennzeichnung für den Vertrieb ihrer Produkte in Europa erhalten haben. Dank künstlicher Intelligenz ermöglichen diese Maschinen, präzisere Operationen aus der Ferne durchzuführen, also auch bei Patienten, die in medizinisch unterversorgten Gebieten leben. Einige Roboter verfügen mittlerweile über fünf Arme, sodass zwei Chirurgen gemeinsam denselben Patienten operieren können.
Andere amerikanische Unternehmen wie etwa Medtronic und Johnson & Johnson oder das britische Unternehmen CMR Surgical versuchen ebenfalls, in dieses Segment vorzustossen. Laut dem Beratungsunternehmen Grand View Research dürfte der weltweite Markt für Operationsroboter von 4,7 Mrd. Dollar im Jahr 2025 auf 9,6 Mrd. im Jahr 2033 wachsen, was einem jährlichen Wachstum von 9,3 Prozent entspricht.
Für den Patienten wären die Vorteile der Robotisierung der Chirurgie enorm: weniger Blutverlust, kleinere Schnitte, kürzerer Krankenhausaufenthalt, geringeres Infektionsrisiko, seltenere Komplikationen während und nach der Operation, weniger Schmerzen, schnellere Genesung. Laut einer im Juni 2025 in der Fachzeitschrift «Journal of Robotic Surgery» veröffentlichten Metaanalyse haben chirurgische Eingriffe mithilfe KI-gestützter Roboter im Vergleich zu herkömmlichen Methoden zu einer Verkürzung der Operationszeit um 25 Prozent, einer Verringerung der intraoperativen Komplikationen um 30 Prozent und einer Senkung der Gesundheitskosten um 10 Prozent geführt. Gleichzeitig wurde die chirurgische Präzision um 40 Prozent erhöht. Und in Zukunft ist es nicht ausgeschlossen, dass Roboter Patienten selbstständig operieren.
In einem anderen Bereich vertreibt das US-Unternehmen Accuray zwei Strahlentherapie-Roboter – den Radixact und den CyberKnife. «Dank KI sind unsere Roboter in der Lage, vorherzusagen, wo sich der Tumor zum Zeitpunkt der Bestrahlung befinden wird», erklärt Ludovic Peyre, Marketing Director für die EMEA-Region bei Accuray. Dies ist besonders wichtig für die Behandlung beweglicher Organe wie Lunge und Leber.
«Der Roboter verfolgt den Atemzyklus des Patienten, um dann die zukünftigen Bewegungen des Tumors vorherzusagen und so zu vermeiden, dass gesunde Bereiche bestrahlt oder Teile des Tumors übersehen werden. Diese erhöhte Präzision ermöglicht eine Verkürzung der Behandlungsdauer, was für Patienten, Krankenhäuser und die Gesellschaft von Vorteil ist», erklärt der Marketingexperte. Und das ist noch nicht alles: «KI-Roboter sind eine grosse Welle, die über die Strahlentherapie und die Medizin im Allgemeinen hereinbricht », sagt Ludovic Peyre.
Diese Entwicklung ist allerdings nicht ohne Gefahren: «Künstliche Intelligenz kann die Leistung steigern, aber auch die Unwissenheit », betonte Dr. Arnaud Beddok, Strahlentherapeut am Institut Godinot, auf dem Symposium «Artificial Intelligence in Radiation Oncology», das am 15. und 16. Januar im Innovation Hub der Genolier-Klinik stattfand. Eine im November 2024 im Fachjournal «Radiology» veröffentlichte Studie hat tatsächlich gezeigt, dass Ärzte dazu neigten, sich zu sehr auf KI zu verlassen. Selbst wenn diese sich irren würde.
