Von Tesla bis Figure AI fliessen Milliarden von Dollar in die humanoide Robotik. Aber jenseits spektakulärer Vorführungen bleiben die anthropomorphen Maschinen weit hinter ihren Versprechungen zurück.
Sie waren die Stars der letzten Consumer Electronics Show (CES)! Sie? Die Humanoiden natürlich. Bei der CES, die vom 6. bis 9. Januar in Las Vegas stattfand, eroberten die menschenähnlichen Roboter buchstäblich die Gänge der grössten Technologiemesse der Welt. Besonders beeindruckend war CLOiD. Der Roboterbutler auf Rädern für Haushaltsaufgaben, den das koreanische Unternehmen LG entwickelt hat, machte mächtig Eindruck. Er zeigte seine Fähigkeiten beim Falten und Verstauen von Wäsche, beim Befüllen und Einschalten von Waschmaschinen oder auch beim Zubereiten des Frühstücks.
Etwas weiter entfernt versuchte sich der G1 der chinesischen Firma Unitree während der Messe an einigen Boxkämpfen gegen Menschen, während der X2 der Firma Agibot eine Tai-Chi-Vorführung gab. Sind diese Prototypen Vorboten der Welt von morgen, in der sich Humanoiden unter die Menschen mischen werden? Die Propheten des Silicon Valley glauben fest daran und sind der Meinung, dass die Robotik derzeit ihren «Moment» erlebe, so wie es 2007 den «iPhone-Moment» und 2022 den «ChatGPT-Moment» gab. Wer sich ein Bild von diesem Umbruch und dem Weg ins Zeitalter intelligenter Roboter machen will, sollte sich die technomessianischen Predigten von Elon Musk anhören. Im Mai 2025 erklärte der umstrittene Chef beim US-Saudi Investment Forum in Riad, dass in naher Zukunft «jeder einen persönlichen Roboter haben wolle. Man kann sich das so vorstellen, als hätte man seinen eigenen C-3PO oder R2-D2, nur besser.»
Und dieser Humanoid, um den sich laut Musk alle reissen würden, werde nichts anderes sein als Optimus, das von Tesla entwickelte Modell. «Das wichtigste Produkt der Geschichte», behauptet der Milliardär. Der schillernde Unternehmer erklärte auf der Hauptversammlung von Tesla am 6. November, dass Optimus «der beste Chirurg» sein werde, der in der Lage sei, «die Armut zu beseitigen» und «die Wirtschaft um das Zehnfache oder sogar Hundertfache anzukurbeln». Kurz gesagt, ein Roboter, der alles kann und das Aufkommen eines globalen goldenen Zeitalters ermöglicht. Laut Musk startet die Produktion des Optimus «mit etwas Glück» bereits Ende 2026. Tesla baut derzeit eine Produktionslinie mit einer Kapazität von einer Million Einheiten in Fremont. Eine zweite mit zehnmal höherer Kapazität soll folgen. Allerdings baute Elon Musk schon mal Ende Januar auf X vor: «Die anfängliche Produktionsrate des Optimus wird quälend langsam sein, aber am Ende unglaublich schnell.»
Tesla ist nicht das einzige Unternehmen, das auf Humanoiden setzt. Weltweit gibt es Hunderte von Projekten, davon allein knapp 200 in China. Eines der fortschrittlichsten Projekte stammt von Boston Dynamics, das nun zum südkoreanischen Automobilhersteller Hyundai gehört. Es stellte am 5. Januar 2026 auf der CES die kommerzielle Version seines Industrieroboters Atlas vor, dessen Produktion gerade angelaufen ist. Alle Modelle, die 2026 gebaut werden, haben bereits einen Abnehmer gefunden. Erst ab 2027 will das Unternehmen neue Kunden akzeptieren. Die norwegischamerikanische Firma 1X hat ihrerseits im Oktober 2025 den Vorverkauf ihres Haushaltsroboters in den USA begonnen. Die Auslieferung ist für dieses Jahr geplant. Für 20’000 Dollar oder für ein monatliches Abonnement von 499 Dollar kann nun der Humanoid NEO zu Hause einziehen! Auch in China geniessen humanoide Roboter grosse Aufmerksamkeit. Der Hersteller Unitree beispielsweise bietet seinen G1 bereits zu einem konkurrenzlosen Preis von 13’500 Dollar zum Verkauf an. Und das Unternehmen XPeng stellte im November letzten Jahres den Iron vor, den es ab Ende 2026 auf den Markt bringen will.
In einer im Juni 2025 veröffentlichten Mitteilung mit dem Titel «Is the world ready for 1bn robots?» schätzt die UBS, dass die Zahl der Humanoiden bis 2050 explosionsartig ansteigen wird, von zwei Millionen Einheiten im Jahr 2035 auf 300 Millionen 2050. Die Analysten von Bank of America Global Research gehen in einer im April 2025 veröffentlichten Studie von einer Population von drei Milliarden Humanoiden im Jahr 2060 aus, das entspricht einem Roboter pro 3,3 Menschen, wenn die Weltbevölkerung zu diesem Zeitpunkt zehn Milliarden Menschen betragen sollte, wie von der UNO prognostiziert. Angesichts all dieser Fortschritte und Versprechungen fliesst Kapital in den vielversprechenden Bereich der humanoiden Robotik. Das kalifornische Startup Figure AI, eines der bekanntesten Unternehmen der Branche, erklärte im September letzten Jahres, dass es im Rahmen seiner Serie-C-Finanzierungsrunde mehr als eine Mrd. Dollar eingesammelt habe, um seinen Allzweck-Humanoiden zu entwickeln.
Damit wird das Unternehmen mit mehr als 39 Mrd. Dollar bewertet. Sein Pendant aus Pennsylvania, Skild AI, brachte im Januar diese Jahres 1,4 Mrd. Dollar auf, wodurch das Unternehmen mit mehr als 14 Mrd. Dollar bewertet wurde. Und der norwegische Konkurrent 1X sammelte 2023 24 Mio. Dollar und im Januar 2024 weitere 100 Mio. Dollar ein. Was Tesla betrifft: Das Unternehmen, das mehr als eine Bio. Dollar wert war, hängt nun mehr von der Robotik als von seinem Automobilgeschäft ab – die Quelle der aktuellen Einnahmen. Die chinesischen Unternehmen Unitree und Agibot profitieren von der Begeisterung der Investoren für diesen Sektor und werden voraussichtlich in diesem Jahr an die Börse gehen.

Immer noch Science-Fiction
Doch Achtung, nicht zu viel Euphorie! Viele Analysten zumindest bleiben nüchtern: «Es erscheint mir sehr voreilig, jetzt in diesen Sektor zu investieren», warnt Karen Kharmadarian, CIO und Portfoliomanagerin bei Mirova. «Auch wenn es einige Anzeichen gibt, wie beispielsweise den Optimus von Tesla, sind wir noch weit entfernt von einem humanoiden Roboter, der in einer realen Umgebung funktioniert. Das ist immer noch Science-Fiction. Eine Demokratisierung der Humanoiden ist kurzfristig kaum vorstellbar.» Und Pieter Busscher, Portfoliomanager bei Robeco, ruft einige Zahlen in Erinnerung: «Die Branche könnte ein sehr schnelles Wachstum bei der Produktion humanoider Roboter verzeichnen, mit einer zwei- oder sogar dreistelligen CAGR (durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate, Anm. d. Red.), weil der Markt aktuell extrem limitiert ist.
Die jährliche Produktion von Humanoiden dürfte bis 2030 eine Stückzahl von einer Million erreichen.» Laut ABI Research wird der weltweite Markt für Humanoiden bis 2030 um 138 Prozent pro Jahr wachsen, aber bis dahin nur 6,5 Mrd. erreichen. Das Unternehmen geht davon aus, dass der Durchbruch 2027 kommen wird. Dann sollen seiner Meinung nach weltweit 150’000 Humanoiden ausgeliefert werden. «Der Hype um die Robotik wird durch die Versprechungen rund um die Humanoiden angeheizt. Dies hat die Bewertung einiger Unternehmen in die Höhe getrieben, ohne dass derzeit eine ausreichende Wertschöpfung stattfindet», betont Nicola Tomatis, Präsident der Swiss Robotics Association. Die Erwartungen sind mittlerweile extrem hoch, viel höher, als es die aktuellen Technologien zulassen. Positiv ist, dass der Hype dazu beiträgt, wichtige Mittel für die Entwicklung der Technologien zu beschaffen. Die Kehrseite der Medaille: Um die Robotik hat sich eine Spekulationsblase gebildet. Wenn sie platzen sollte und die Erwartungen enttäuscht werden, könnte das dem gesamten Sektor schaden.»
Der mit grossem Tamtam auf der CES vorgestellte Roboterbutler CLOiD beispielsweise ist noch weit von der Marktreife entfernt. Er braucht mehrere Minuten, um ein Produkt aus dem Kühlschrank zu holen. Das ist zwar besser als Aidol, der russische humanoide Roboter, der bei seiner Präsentation in Moskau im November nach wenigen Schritten zusammenbrach. Aber es ist nicht genug, um potenzielle Kunden zu überzeugen. Tesla wird regelmässig vorgeworfen, die tatsächliche Leistungsfähigkeit seines Roboters zu überschätzen oder sogar zu betrügen. Im Jahr 2024 beispielsweise beeindruckte Optimus, als er auf der Messe «We Robot» mitten in der Menschenmenge umherlief. Leider stellte sich wenige Tage später heraus, dass die Roboter tatsächlich von Fernbedienern gesteuert wurden, was Tesla dem Publikum gegenüber bewusst verschwiegen hatte.Im Dezember 2025 ging es weiter mit der Veröffentlichung eines Videos, das bei einer Veranstaltung in Miami aufgenommen worden war. Es veranlasste die Internetnutzer zu der Annahme, dass der Optimus nicht so autonom ist, wie behauptet – auch wenn in diesem speziellen Fall immer noch nicht klar ist, ob die Maschine ferngesteuert war oder nicht.
Um die Robotik hat sich eine Spekulationsblase gebildet. Wenn sie platzen sollte und die Erwartungen enttäuscht werden, könnte das dem gesamten Sektor schaden
Das Gleiche gilt für 1X Technologies: Bei der futuristischen Präsentation von NEO im Oktober 2025 mussten einige der Bewegungen der Maschine noch von einem Menschen ferngesteuert werden. Die vollständige Autonomie ist noch nicht für morgen zu erwarten. Warum klafft eine solche Diskrepanz zwischen Versprechungen und der Realität? «Auch wenn die künstliche Intelligenz in den letzten Jahren eine phänomenale Entwicklung erlebt hat, ist es äusserst komplex, KI aus einer virtuellen Welt in die reale Welt in Form eines Humanoiden zu übertragen», erklärt Karen Kharmadarian, CIO und Portfoliomanagerin bei Mirova. So sieht es auch Amir Ben Ammar, Maschinenbauingenieur und Mitgründer des französischen Unternehmens AI Robotics:
«Ich persönlich glaube, dass humanoide Roboter noch lange Zeit im Labor bleiben oder als Demonstrationobjekte dienen werden. Ihre Entwicklung wird noch Milliarden an Investitionen erfordern, da diese Maschinen enorm viel Energie verbrauchen. Es sind auch noch viele Herausforderungen zu bewältigen, bevor sie funktionsfähig sind.»
Zudem sollte man bedenken, dass die Mechatronik langsamer voranschreitet als die KI. «Technisch gesehen sind heutige Roboter, insbesondere humanoide Roboter, längst noch nicht in der Lage, die Geschicklichkeit, Mobilität und Ausdauer des Menschen zu erreichen. Feinmotorik, taktile Wahrnehmung, Leistungsfähigkeit der Aktoren und Batterieautonomie sind nach wie vor limitierende Faktoren in realen, unstrukturierten Umgebungen», führt Matthias Röser, Partner bei BearingPoint, aus. Aus ökonomischer Sicht stellten die Kosten eine hohe Hürde dar. Humanoide Roboter mit komplexen Funktionen seien nach wie vor sehr teuer, was Fragen hinsichtlich ihrer kurzfristigen Rentabilität aufwerfe und ihren Einsatz über Pilotprojekte und grundlegende Anwendungsfälle hinaus begrenze.
Muss also der Traum vom Humanoiden deshalb begraben werden? «Elon Musk spricht von 2026. Aber wir wissen, dass er bei Zeitplänen immer sehr optimistisch ist. Im Jahr 2025 haben wir viele Humanoiden in Labors oder bei Vorführungen gesehen. Ich denke, dass dies auch 2026 und 2027 der Fall sein wird», sagt Humberto Nardiello, Fondsmanager bei DPAM. Seine Prognose? «Danach werden die Preise heruntergehen, und wir könnten Zeuge eines explosionsartigen Anstiegs der Nachfrage werden – aber nicht vor 2028.»
