«KI kann helfen, die Presse zu retten»

Interview
"AI can help save the press"

Tamedia, Teil des grössten privaten Medienkonzerns der Schweiz TX Group, setzt seit drei Jahren künstliche Intelligenz in seinen Redaktionen ein. Titus Plattner, Projektleiter im AI Lab von Tamedia, erläutert die Anwendungsbereiche.

Während ein Teil der Medienbranche die rasante Einführung künstlicher Intelligenz (KI) in den Redaktionen fürchtet, sehen manche Journalisten darin einen Rettungsanker. Ohne die Schattenseiten der KI zu leugnen, gehört Titus Plattner, der neun Jahre lang als Journalist im Recherchedesk von Tamedia – einer Tochtergesellschaft der TX Group – tätig war, eher zu der zweiten Kategorie. Seit seiner Rückkehr von einem einjährigen Aufenthalt an der Stanford University im Silicon Valley im Jahr 2018 beschäftigt sich Titus Plattner mit der Entwicklung von KI-Tools in den Redaktionen des Konzerns. Für ihn hat KI den Medien viel zu bieten – vorausgesetzt, sie wird richtig eingesetzt.

Mit fast 600 Journalisten und renommierten Titeln wie dem «Tages-Anzeiger», «Finanz und Wirtschaft» und «24 heures» ist TX Group ein mediales Schwergewicht in der Schweiz. Wie setzen Sie KI in Ihren Redaktionen ein?

KI kommt im gesamten Produktionsprozess eines Artikels zum Einsatz, das heisst von der Informationsbeschaffung über das Schreiben bis hin zur Verbreitung, einschliesslich der Recherche in Dokumenten. Seit drei Jahren führen wir schrittweise Funktionen der generativen künstlichen Intelligenz in unseren Systemen ein. Wir haben angefangen, zahlreiche kleine Aufgaben zu automatisieren, die für unsere Teams zwar nicht besonders interessant, aber dennoch notwendig sind. Wenn beispielsweise eine Journalistin einen Artikel in das CMS (Content Management System) eingibt, schlägt ein KI-Tool automatisch eine Reihe von Überschriften vor oder bietet Tags für die Suchmaschinenoptimierung an. Bildbeschreibungen für sehbehinderte Menschen werden schon seit Langem automatisiert. Doch nun gehen wir viel weiter. So haben wir beispielsweise gerade ein Tool eingeführt, das umständliche Formulierungen erkennt und Verbesserungsvorschläge dazu macht. Der Journalist behält die Kontrolle, er kann diese Vorschläge annehmen oder ablehnen. Alles geht sehr schnell: Heute sind wir in der Lage, Dinge zu tun, die ich im Januar noch nicht für möglich gehalten hätte. Es geht nicht darum, die journalistische Arbeit zu ersetzen, sondern den Produktionsprozess zu vereinfachen oder zu beschleunigen. In Zeiten dieses fortlaufenden Wandels haben wir von Tamedia den Vorteil, über die kritische Masse zu verfügen, um die notwendigen Investitionen zu tragen.

 

Ist es nicht riskant, solche Vorgänge einer Maschine anzuvertrauen, die einen Fehler machen könnte?

Wir arbeiten nach dem «Human in the Loop»-Prinzip: Was veröffentlicht wird, wird auch von einem Menschen überprüft und unterliegt weiterhin der Verantwortung einer Person. Das ist das Gegenteil von Chatbots, die im Kleingedruckten darauf hinweisen, dass ihr System Fehler machen kann, und sich so jeglicher Verantwortung entziehen. Die Gefahr wäre eine Art «kognitive Kapitulation», bei der man die Aufgabe an die Maschine delegiert, ohne das Ergebnis noch einmal zu überprüfen. Diese Systeme liefern oft gute, manchmal sogar hervorragende Resultate, können aber auch auf sehr heimtückische Weise aus dem Ruder laufen. Auch wenn sich die LLMs (Large Language Models) mit phänomenaler Geschwindigkeit verbessern, bleibt die generative KI in der Tat eine ambitionierte Technologie, die Fehler machen kann. In den Medien können wir es uns jedoch nicht leisten, Falschinformationen zu veröffentlichen. Es geht um unsere Glaubwürdigkeit. Dennoch glaube ich, dass KI bei richtiger Anwendung einen Qualitätsgewinn bringt. Wir führen beispielsweise gerade ein Tool zur Faktenprüfung ein. Die Modelle stossen an ihre Grenzen, wenn es um brandaktuelle oder exklusive Informationen geht, da wir oft sehr nah am Geschehen arbeiten. Aber sie können Fehler in allgemein bekannten Informationen aufspüren, wie zum Beispiel den Namen einer im Artikel zitierten Person. Früher rutschten solche Fehler gelegentlich durch die Maschen. Heute wird diese Aufgabe durch die KI unterstützt. Ich glaube, dass wir in Zukunft weniger Fehler haben werden.

 

Fehler können auch von Personen verursacht werden, die KI-Tools falsch einsetzen…

Ja, sicher! Es ist unerlässlich, dass Journalisten diese Tools in Bereichen einsetzen, in denen sie sich auskennen. Jemand, der mit Wahlen in einem Kanton überhaupt nicht vertraut ist, wird nicht in der Lage sein, die Zuverlässigkeit eines maschinell erstellten Textes zu diesem Thema zu beurteilen. Deshalb investieren wir viel Energie in die Schulung, wahrscheinlich sogar mehr als in die Einführung der Tools selbst. Man muss ihre Möglichkeiten verstehen, aber auch ihre Verzerrungen, Risiken und Grenzen.

 

Wie wird dieser Wandel in den Redaktionen von Tamedia angenommen?

Die AI Academy – eine neuntägige Schulung, die wir intern ins Leben gerufen haben – erhielt drei- bis viermal mehr Bewerbungen, als Plätze zur Verfügung standen. Das ist ein gutes Zeichen. Im Jahr 2023 herrschte noch ein gewisses Misstrauen, was durchaus verständlich war. Heute hat sich die Situation geändert: Jede Person nutzt generative künstliche Intelligenz täglich, manchmal ohne es zu merken, zum Beispiel auf dem Smartphone oder über Suchmaschinen. Jeder hat mittlerweile einen Chatbot in der Tasche.

 

Die zunehmende Automatisierung könnte auch zu Entlassungen führen…

Wenn es in den letzten Jahren Entlassungen gab, dann nicht wegen der KI, sondern weil das Geschäftsmodell der Presse zusammengebrochen ist. Die Werbeeinnahmen der privaten Medien (Print- und Online-Presse, Anm. d. Red.) sind in der Schweiz von drei Mrd. Franken im Jahr 2000 auf weniger als eine Mrd. im Jahr 2024 gesunken. In der Westschweiz, wo der Markt kleiner ist, kämpfen alle Tageszeitungen darum, die Gewinnschwelle zu erreichen. Und auch in der Deutschschweiz ist die Lage sehr schwierig. Um zu überleben, muss unsere Branche mit weniger mehr erreichen. Die KI ermöglicht es, effizienter zu werden. Der verantwortungsvolle Einsatz dieser Technologie könnte der Presse helfen, wieder zu einem tragfähigen Geschäftsmodell zu finden. Die KI ist zwar kein Allheilmittel, sie wird aber ein wesentlicher Bestandteil sein.

 

Die grossen LLM-Plattformen (LLM steht für Large Language Model) nutzen journalistische Inhalte, um ihre Modelle zu trainieren. Erwägen Sie bei Tamedia den Abschluss einer Lizenzvereinbarung, wie es etwa der Axel-Springer-Konzern in Deutschland tut?

Meines Wissens hat kein Schweizer Medienkonzern eine nennenswerte Vereinbarung mit diesen Unternehmen geschlossen. Wir schliessen nichts aus, aber die im Ausland beobachteten Vereinbarungen betreffen nur geringfügige Beträge. Diese Verträge mögen zwar nützlich sein, werden die Medien jedoch nicht retten. Die Schweiz ist ein kleiner Markt, auch in ihren verschiedenen Sprachregionen. Der Verkauf des Archivs kann zwar punktuell einige Millionen einbringen, wird aber die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht nachhaltig lösen.

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