Mit Anlagen die Welt retten?

Investoren können dazu beitragen, den Planeten vor der Klimakatastrophe zu bewahren. Das ist das Versprechen sogenannter verantwortungsbewusster Investments. Trotz einer Abschwächung in den Jahren 2022 und 2023 dürften diese Anlagen rasch wieder zulegen und bis 2030 auf 200’000 Mrd. Dollar steigen – das ist viermal mehr als heute. Illusion für die einen, Wundermittel für die anderen: Sustainable Finance sorgt für hitzige Diskussionen. Doch am schlimmsten wäre es wahrscheinlich, einfach untätig zuzusehen.

Bertrand Beauté

People around a tree in the shape of a planet

«Wir sind alle Verbraucher. Wenn wir in den Supermarkt gehen und Produkte aus Kunststoff kaufen, wissen wir, dass wir etwas Schlechtes für den Planeten tun. Gleiches gilt für Investitionen. Wir haben die Möglichkeit, uns für nachhaltige Produkte zu entscheiden oder eben nicht.» Luke Ward, Investment Manager im Global Discovery Team von Baillie Gifford, ist überzeugt: Anleger spielen beim Aufbau einer besseren Welt eine Schlüsselrolle.

Das trifft sich gut, denn Nachhaltigkeit ist en vogue: Im Jahr 2020 belief sich das Volumen von nachhaltigen Investitionen auf 35’000 Mrd. Dollar – das bedeutet einen Anstieg von 15 Prozent gegenüber 2018. 36 Prozent des verwalteten Vermögens galten nach dem jüngsten Jahresbericht der Global Sustainable Investment Alliance (GSIA) als nachhaltig. «Nach einem kräftigen Wachstum bis 2021 entwickeln sich nachhaltige Finanzen seit zwei Jahren rückläufig», dämpft Tzoulianna Leventi, Investment‑ und ESG‑Analystin bei abrdn, die Erwartungen. «Der Krieg in der Ukraine, der Anstieg der Energiepreise und der Inflation sowie die hohen Zinsen haben das Thema Nachhaltigkeit in den Hintergrund gedrängt.» 

Doch dieser Rückschlag dürfte nicht von Dauer sein. «Nachhaltigkeit lässt sich nicht von der Weltwirtschaft trennen. Die geopolitischen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten in den vergangenen beiden Jahren haben zu einer Umschichtung von Finanzmitteln in wenig nachhaltige Sektoren geführt, insbesondere in Erdölproduzenten, die sich 2022 überdurchschnittlich entwickelt haben», erklärt Laura Kaliszewski, Global Head of Client Sustainable Investing bei Natixis Investment Managers. Doch es bestehe ein enormer Bedarf an nachhaltigen Produkten. Laut Umfragen planen neun von zehn Anlegern, in den nächsten Jahren nachhaltiger zu investieren.

«Die jüngeren Generationen sind bei ihren Investitionen weitaus sensibler, wenn es um das Vorgehen in den ESG‑Bereichen geht»

Franck Sabbah, verantwortlich für die Entwicklung der Vermögensverwaltung bei Berenberg

Diese Ansicht teilt auch Franck Sabbah, verantwortlich für die Entwicklung der Vermögensverwaltung bei Berenberg: «Seit dem Pariser Klimaabkommen 2015 (COP21) entwickelt sich ein echtes Bewusstsein. Zuerst setzten sich die staatlichen Organe dafür ein. Dann haben sich alle Branchen des Themas angenommen. Alle börsenkotierten Unternehmen haben inzwischen verstanden, dass an einem ESG‑Management (ESG steht für Umwelt, Soziales und Governance beziehungsweise Unternehmensführung kein Weg mehr vorbeiführt. Und dieser Trend wird nicht nachlassen, denn die jüngeren Generationen sind bei ihren Investitionen weitaus sensibler, wenn es um das Vorgehen in diesen Bereichen geht.»

Das Ergebnis: Laut dem Institut Precedence Research dürfte sich der weltweite Markt für Sustainable Finance bis 2030 auf mehr als 200ʼ000 Mrd. Dollar belaufen, das ist viermal mehr als heute. In der besten aller möglichen Welten ist also alles grün? Leider nicht. Für die Gegner der Sustainable Finance ist das Ganze nur eine gigantische Greenwashing‑Operation. «Die Green Finance beruht auf der Prämisse, dass wir zu einem für die Umwelt unschädlichen oder sogar positiven Wirtschaftswachstum gelangen können, doch hierfür gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg», erläutert Guillaume Carbou, Dozent und Forscher an der Universität Bordeaux, Spezialist für politische Ökologie und Mitautor des Werks «Greenwashing: manuel pour dépolluer le débat public» (Ed. du Seuil, 2022), im «PME Magazine», einer Fachzeitschrift. Für zahlreiche Wissenschaftler beruht das Konzept 
«Green Finance» im Kern auf dem Prinzip von ökologischem Wachstum, was in Wirklichkeit ein Widerspruch in sich sei.

Auf diese Kritik reagieren die Befürworter der Responsible Finance mit Pragmatismus. So erklärt Franck Sabbah: «Für die Radikalen müsste alles gestoppt werden. Aber die Welt wird nicht haltmachen. Die Realität ist, dass die Menschen konsumieren und wir Bergwerke und Energie brauchen, um ihre Wünsche zu erfüllen.» Die Frage laute daher, wie sich die Situation verbessern lasse. «Natürlich ist das nicht optimal, aber wir haben keine andere Lösung. Wir müssen pragmatisch sein und versuchen, die Technologien zu optimieren.»

Tatsache ist, dass trotz der Begeisterung der Finanzwelt für verantwortungsbewusste Investitionen die Umweltzerstörung nicht nachlässt. Dies haben wir auch in unserem Dossier zum Thema Kunststoff im Mai 2023 deutlich gemacht. Die Treibhausgasemissionen erreichten sogar ein Rekordniveau: 2022 wurden nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) 36,8 Gigatonnen CO₂‑Äquivalente freigesetzt, das sind 0,9 Prozent mehr als 2021.

«Wir stellen immer noch eine Zunahme der Emissionen aus fossilen Brennstoffen fest. Das behindert die Bemühungen, die globalen Klimaziele zu erreichen», bedauert IEA‑Chef Fatih Birol. «Internationale und nationale Unternehmen, die fossile Brennstoffe einsetzen oder damit handeln und Rekordumsätze erzielen, müssen ihren Teil der Verantwortung übernehmen – im Einklang mit ihren öffentlichen Verpflichtungen, die Klimaziele zu erreichen.»

Das ist die Lage, wenn man das Glas halb leer sieht. Aber wenn man das Glas halb voll sieht, stellt sie sich so dar: Im Jahr 2022 habe man 550 Millionen Tonnen an Treibhausgasemissionen durch den Einsatz sauberer Technologien vermeiden können, hebt die IEA in ihrem Bericht hervor. «Die Auswirkungen der Energiekrise haben nicht zu einer deutlichen Erhöhung der weltweiten Emissionen geführt, wie anfangs befürchtet wurde. Zurückzuführen ist dies auf die ausserordentlichen Zuwächse beim Einsatz erneuerbarer Energien, von Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen und energieeffizienten Technologien. Ohne saubere Energie hätten die CO2‑Emissionen knapp dreimal mehr zugelegt», unterstreicht IEA‑Chef Fatih Birol. «Wir unternehmen nicht genug, um die Klimaerwärmung zu begrenzen», betont auch Laura Kaliszewski von Natixis Investment Managers. «Wenn wir so weitermachen, laufen wir Gefahr, die von den Vereinten Nationen gesetzten Ziele nicht zu erreichen. Wir brauchen eine beispiellose Beschleunigung, die nur durch enge Kooperation aller Akteure zu erreichen ist. Die Regierungen müssen die Transformation steuern, indem sie für Klarheit und starke Anreize sorgen. Und Unternehmen müssen alternative Lösungen entwickeln. Bei der Finanzierung spielt der Finanzsektor ebenso wie beim Übergang in eine nachhaltige Zukunft eine Schlüsselrolle. Angesichts der Dringlichkeit des Klimaproblems sind die Anleger bereit, zu investieren.»

Doch wie wählt man nachhaltige Investitionen aus, ohne sich von Greenwashing blenden zu lassen? «Die Umwelt schützen und verantwortungsbewusst handeln ist leicht gesagt. Das aber in der Realität auch zu tun, ist viel schwieriger», weiss die Analystin Tzoulianna Leventi. Tatsächlich wurden viele einschlägige Versprechungen von Unternehmen nicht gehalten. Prominenter Fall: Coca‑Cola. Schon 2008 sagte der US‑Konzern zu, ab 2015 in seinen Flaschen 25 Prozent recyceltes PET zu verarbeiten. Doch schaut man in den umfangreichen Sustainability Report des Unternehmens (88 Seiten), dann lag dieser Anteil 2022 nur bei 15 Prozent. Das hindert Coca‑Cola jedoch nicht an weiteren Versprechungen. Im Januar 2018 setzte sich das Unternehmen für eine Welt ohne Abfall bis 2030 ein. Bis dahin sollte weltweit jede Flasche Coca‑Cola zu 50 Prozent aus recyceltem Kunststoff bestehen. Ein Beispiel unter vielen. 

Die Unternehmen, ETF und andere nachhaltige Fonds, die bezichtigt werden, Greenwashing zu betreiben oder ihre Zusagen im Bereich Soziales (gemeint sind gesellschaftliche Auswirkungen der Geschäftstätigkeit) und Unternehmensführung nicht einzuhalten, lassen sich schon nicht mehr zählen. Doch unter dem Druck der Medien und der Justiz kommen die Dinge ins Rollen. So wurde am 26. September 2023 die Verwaltungsgesellschaft DWS zu einer Geldstrafe wegen Greenwashings verurteilt, die höchste, die bislang in den USA aus diesem Grund verhängt worden ist. Die Tochtergesellschaft der Deutschen Bank akzeptierte die Zahlung von 19 Mio. Dollar. Sie hatte fälschlicherweise behauptet, ESG‑Faktoren in ihr Management eingebunden zu haben. Und in Grossbritannien wurden der Bank HSBC 2022 Werbeanzeigen, in denen sie sich ihrer Umweltaktionen rühmte, untersagt. Denn sie seien «irreführend« und allzu weit vom konkreten Handeln der Bank entfernt. «Greenwashing‑Fälle haben in der Finanzwelt und in Unternehmen das Bewusstsein gestärkt», erklärt Franck Sabbah. «Alle wissen nun, dass eine allzu grosse Kluft zwischen Marketing und Realität erhebliche Konsequenzen hat und in manchen Fällen auch die Reputation massiv beschädigt.» 

DAS DUNKLE IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK

Im Dezember 2022 verpasste die grosse Vermögensverwaltungsgesellschaft Vanguard dem Sustainable‑Finance‑Sektor einen erheblichen Dämpfer. Die weltweite Nummer zwei der Branche mit einem verwalteten Vermögen von 8ʼ200 Mrd. Dollar erklärte ihren Rückzug aus der Initiative Net Zero Asset Managers, der weltweit grössten Allianz für eine nachhaltigere Finanzierung der Wirtschaft, der sie 2021 beigetreten war. Dieser Ausstieg ist keineswegs nur eine Randnotiz und veranschaulicht das zunehmende Misstrauen in den USA gegenüber Anlagen, die auf das Klima und gesellschaftliche Herausforderungen (ESG) setzen und die inzwischen häufig als «woke» abgestempelt werden. Im Mai 2023 verabschiedete der zu den Republikanern gehörende Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, ein potenzieller Kandidat für das Weisse Haus im Jahr 2024, ein Gesetz, das staatlichen Stellen untersagt, öffentliche Gelder zur Förderung von ökologischen, gesellschaftlichen und die Unternehmensführung (ESG) betreffenden Zielen zu investieren oder ESG‑Anleihen zu verkaufen. Derselbe DeSantis hatte im Dezember 2022 entschieden, zwei Mrd. Dollar an öffentlichen Geldern bei BlackRock wegen der Pro‑ESG‑Äusserungen der Vermögensverwaltungsgesellschaft abzuziehen. Schlimmer ist jedoch, dass amerikanische Aktionäre anscheinend den gleichen Weg einschlagen. Nach Angaben des Sustainable Investment Institute wurden zwischen Januar und August 2023 Vorschläge bei Generalversammlungen, in denen mehr Massnahmen zugunsten des Klimas gefordert wurden, im Schnitt von 23 Prozent der Aktionäre angenommen, während 2021 noch 34 Prozent dafür gestimmt hatten und letztes Jahr noch 30 Prozent. Ein typischer Fall: Eine Resolution, die den Online‑Riesen Amazon aufforderte, mehr Informationen über Umweltrisiken in Verbindung mit Kunststoffverpackungen offenzulegen, wurde in diesem Jahr von einem Drittel der Aktionäre gebilligt. 2022 waren es 50 Prozent, ein Jahr davor 35 Prozent. Spezialisten macht dieser Gegenwind Sorgen: «Boykottbewegungen, die in einigen republikanischen US‑Bundesstaaten zu beobachten sind, ändern nichts an den Gegebenheiten», unterstreicht der Branchenexperte Yili Wu. «Der Markt für Sustainable Finance wird weiter wachsen.»

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