Health

Goldene Ära für Generika

Dossier
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Zwischen 2026 und 2033 wird eine ganze Generation von Blockbustern – Medikamente mit einem Jahresumsatz von mehr als einer Mrd. Dollar – ihre Exklusivität verlieren. Dann ist der Weg frei für Generikahersteller. Für Anleger lohnt es sich, dieses Thema auf dem Schirm zu haben.

Die Pharmaindustrie steht vor einem Umbruch. Von diesem Jahr an bis 2030 laufen zahlreiche Patente für Medikamente aus, was Generikaprodukten den Weg ebnet. Für die betroffenen Pharmakonzerne ist das ein Albtraum, zumal es hier auch um 68 Blockbuster geht – Medikamente, die laut dem Beratungsunternehmen Evaluate Pharma mehr als eine Mrd. Dollar pro Jahr einbringen. Der US-Konzern Merck zum Beispiel erzielte im vergangenen Jahr 57 Prozent seines Umsatzes von 65 Mrd. Dollar mit zwei Blockbustern: dem Krebsmedikament Keytruda (31,7 Mrd. Dollar) und dem HPV-Impfstoff Gardasil 9 (5,2 Mrd. Dollar). Beide verlieren 2028 ihren Patentschutz. Auch der US-Multi Bristol Myers Squibb ist betroffen. Ein Drittel seines Umsatzes entfällt auf das Antikoagulans Eliquis, das ab November 2026 nicht mehr geschützt sein wird. Johnson & Johnson wiederum muss sich damit abfinden, dass sein Krebsmedikament Darzalex, auf das 15 Prozent der Einnahmen entfallen, ab Mai 2029 theoretisch als Biosimilar nachgebildet werden kann. Die Liste der betroffenen Firmen ist lang. Auf ihr stehen auch die Schweizer Unternehmen Novartis und Roche.

In der Pharmaindustrie trägt dieses Phänomen einen fast filmreifen Namen: «Patent Cliff» (Patentklippe). Gemeint ist der Zeitpunkt, an dem zahlreiche Medikamente mehr oder weniger gleichzeitig (über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren) ihren Patentschutz verlieren (in der Regel nach 20 Jahren), wodurch der Weg für deutlich günstigere Generika frei wird. «Es ist nicht das erste Mal, dass die Pharmaindustrie mit einem Patent Cliff konfrontiert ist. Es gab solche Fälle bereits vor 2026», berichtet Tjaša Lukšič, Healthcare-Equity-Analystin bei DPAM. «Dieses Phänomen tritt auf, wenn die Patente einer Klasse innovativer Medikamente auslaufen. Das letzte Mal war dies 2010 der Fall, als insbesondere Statine in den öffentlichen Bereich übergingen. Heute betrifft dies vor allem monoklonale Antikörper.»

Insgesamt schätzt das Marktforschungsunternehmen Evaluate Pharma, dass zwischen 2026 und 2030 mehr als 300 Mrd. Dollar Umsatz dem Wettbewerb ausgesetzt sein werden. Zum Vergleich: Zwischen 2021 und 2025 sowie zwischen 2016 und 2020 belief sich dieser Gesamtbetrag nur auf etwa 160 Mrd. Dollar. Während diese Zeitspanne für die Pharmaindustrie also mit Risiken verbunden ist, bedeutet er für Generikahersteller eine grosse Chance. «Wir sind gerade in ein goldenes Jahrzehnt für die Spezialisten nicht patentierter Medikamente eingetreten», betont Tjaša Lukšič. «Der Patent Cliff stellt für sie eine enorme Wachstumschance dar.»

Laut dem Analyseunternehmen Precedence Research dürfte der weltweite Generikamarkt, der im Jahr 2025 ein Volumen von rund 468 Mrd. Dollar pro Jahr hatte, zwischen 2026 und 2035 jedes Jahr um 5 Prozent wachsen und bis dahin 762,5 Mrd. Dollar erreichen. Grand View Research zeigt sich noch optimistischer und prognostiziert für denselben Zeitraum einen durchschnittlichen Anstieg von 6,5 Prozent pro Jahr.

Sollten sich angesichts dieser Entwicklungen private Investoren den Sektor genauer ansehen? «Der Markt für nicht patentgeschützte Medikamente ist attraktiver als früher», antwortet Tjaša Lukšič eher zurückhaltend als begeistert. Dies rührt daher, dass der Markt für nicht patentgeschützte verschreibungspflichtige Medikamente komplex ist. «Im Gegensatz zur Pharmaindustrie, die mit sechs grossen Pharmafirmen, die den Markt dominieren, extrem konzentriert ist, bleibt der Generikabereich sehr fragmentiert, mit einer Vielzahl von reinen Generikaanbietern und einigen Pharmakonzernen, die einen eigenen Geschäftsbereich beibehalten haben. Alle diese Akteure liefern sich bei bestimmten Produkten einen intensiven Preiskampf, was ihre Margen schmälert, während die Unternehmen in der Branche der patentgeschützten Medikamente bis zum Ablauf des Patents von einem Monopol profitieren und somit deutlich höhere Margen erzielen.» Diese Situation zeigt sich vor allem bei den sogenannten traditionellen Generika. Dabei handelt es sich um kleine Moleküle, die durch chemische Prozesse synthetisiert werden und deren Nachahmung in der Regel einfach ist. Semaglutid, der Wirkstoff des von Novo Nordisk vertriebenen Diabetesmedikaments Ozempic und des Adipositasmittels Wegovy, gehört beispielsweise zu diesen Molekülen, die relativ einfach nachzubilden sind. Als Auftakt zum Patent Cliff hat diese Verbindung in einigen Ländern im März 2026 ihren Patentschutz verloren.

«Die Generikaindustrie lässt sich auf einen industriellen Prozess reduzieren», erklärt Jérôme Schupp, Investmentmanager bei Prime Partners. «Das Unternehmen, das ein Produkt am schnellsten auf den Markt bringt, gegebenenfalls auch noch das zweitschnellste, räumt den ganzen Gewinn ab. Die nachfolgenden müssen sich mit den Krümeln begnügen.» So sieht es auch Tjaša Lukšičt: «Es gibt zwei Möglichkeiten für Generikahersteller, sich zu behaupten: Entweder kommt man als Erster auf den Markt, oder man bietet den besten Preis an.»

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Was diesen letzten Punkt angeht, sind westliche Unternehmen nicht optimal aufgestellt. Die Folge: Indien hat sich mit Unternehmen wie Sun Pharma, Dr. Reddy’s und Aurobindo als Apotheke der Welt etabliert. «Indische Unternehmen dominieren den Generikamarkt. Generell stammen viele Wirkstoffe von Medikamenten mittlerweile aus Asien», betont Tjaša Lukšič. Im Jahr 2025 etwa stagnierten sogar die Generikaumsätze des israelischen Weltmarktführers Teva, im Vergleich zu 2024. Und der Absatz des US-Unternehmens Viatris ging um 8 Prozent zurück. In diesem Zeitraum hielt sich nur das Schweizer Unternehmen Sandoz mit einem leichten Wachstum von 2 Prozent bei seinen Generikaumsätzen über Wasser.

Die gegenwärtige Lage birgt durchaus Risiken: Insbesondere während der Coronapandemie mussten westliche Länder erkennen, dass sie zu sehr von komplexen Lieferketten abhängig waren (s. Interview mit Remco Steenbergen, dem CFO von Sandoz). Da die meisten Industrienationen jedoch bestrebt sind, die Kosten der Gesundheitssysteme zu senken, erhöhen sie den Druck auf die Preise für Generika. Das erschwert wiederum die Herstellung bestimmter Produkte in ihren eigenen Ländern.

Im Februar 2026 kündigte beispielsweise der Roche-Konzern an, die Produktion seines Antibiotikums Rocephin am Standort Kaiseraugst im Kanton Aargau bis 2030 einzustellen. Das bedeutet das Ende der letzten Antibiotikaproduktion in der Schweiz. Grund für diese Entscheidung sind die geringe Rentabilität aufgrund der Konkurrenz durch Generika, sinkende Antibiotikapreise und steigende Kosten. Sandoz hingegen erhielt von der österreichischen Regierung eine Förderung in Höhe von 28 Mio. Euro, um die Produktionskapazität für Penicillin an seinem Standort in Kundl, Österreich, hochzufahren.

Dennoch haben westliche Unternehmen noch Trümpfe in der Hand. Denn neben dem reifen Markt für traditionelle Generika ist ein neuer Markt entstanden: der für Biosimilars, von denen das erste 2006 zugelassen wurde. «Im Gegensatz zu traditionellen Generika, bei denen es sich um kleine synthetische chemische Moleküle handelt, die relativ einfach herzustellen sind, sind Biosimilars Kopien von biologischen Molekülen, die von lebenden Organismen produziert werden. Sie sind wesentlich komplexer und teurer in der Herstellung und erfordern Fachwissen, über das nur relativ wenige Unternehmen verfügen», erklärt Tjaša Lukšič. Zum Vergleich: Die Entwicklungskosten für ein innovatives, patentfähiges Medikament liegen in der Grössenordnung von einer Mrd. Dollar, die für ein Generikum bei einigen Mio. Dollar und die für ein Biosimilar bei etwa 100 Mio. Dollar.» Nicht zuletzt gehen die Preise für Biosimilars im Laufe der Zeit weniger stark zurück als für Generika, was den Herstellern höhere Margen sichert.

Derzeit macht der Markt für Biosimilars mit 15 Prozent erst einen kleinen Teil des Gesamtmarkts für nicht patentgeschützte Medikamente aus. Das Wachstum ist jedoch stärker als das der gesamten Branche. Laut dem Marktforschungsunternehmen MarketsandMarkets wird der Markt für Biosimilars, der für 2024 auf 32,7 Mrd. Dollar geschätzt wird, zwischen 2025 und 2035 voraussichtlich um 7,5 Prozent pro Jahr wachsen. «Biosimilars sind ein sehr interessanter Markt mit deutlich höheren Eintrittsbarrieren als der Generikamarkt», fasst Jérôme Schupp zusammen. Die jetzt anbrechende goldene Ära für patentfreie Medikamente hängt übrigens mit einer bestimmten Klasse biologischer Medikamente zusammen, die die Medizin vor etwa 20 Jahren revolutioniert haben: monoklonale Antikörper, zu denen insbesondere die Krebsmedikamente Keytruda und Darzalex gehören. Unternehmen, die diese Art komplexer Moleküle herstellen können, haben daher nun freie Bahn.

Nicht ohne Grund ist der Aktienkurs von Sandoz innerhalb eines Jahres (Stand: 1. April) um mehr als 75 Prozent in die Höhe geschnellt. 2025 sind die Umsätze des Basler Konzerns mit Biosimilars im Vergleich zu 2024 um 15 Prozent gestiegen und machen nun knapp ein Drittel des Gesamtumsatzes aus. Und das ist noch nicht alles: Das Unternehmen hat 32 Biosimilars in der Entwicklung – nach eigenen Angaben die umfangreichste Pipeline der Branche. Sie dürfte im nächsten Jahrzehnt für Wachstum sorgen.

«Sandoz ist sehr gut positioniert, um vom wachsenden Markt für Biosimilars zu profitieren, wo die Margen höher und der Wettbewerb geringer sind als bei Generika», meint Jérôme Schupp. Auch der Teva-Konzern ist mit 13 in der Entwicklung befindlichen Biosimilars gerüstet, ebenso das indische Unternehmen Biocon, das sich 2022 den Biosimilarzweig des US-Riesen Viatris für 3,34 Mrd. Dollar sichern konnte.

Doch die hohen Entwicklungskosten für Biosimilars haben eine negative Begleiterscheinung: Die Branchen-Player konzentrieren sich auf die Nachahmung der Medikamente, die als Blockbuster die höchsten Umsätze generieren. Sie wollen dadurch sichergehen, dass sich ihre Investitionen amortisieren. Das führt dazu, dass biologische Therapien, die kleine Märkte abdecken, nach Ablauf ihres Patentschutzes selten im Wettbewerb stehen. Bis 2032 dürften etwa 100 biologische Arzneimittel in Europa ihren Exklusivitätsschutz verlieren, so das US-Marktforschungsunternehmen Iqvia in einer im Januar 2026 veröffentlichten Studie. Doch bei 79 Prozent dieser Mittel befinde sich derzeit kein Biosimilar in der Entwicklungsphase, so die Marktforscher. Ein erheblicher Verlust für die Gesundheitssysteme, wenn man bedenkt, dass Biosimilars im Durchschnitt 30 Prozent günstiger verkauft werden als die biologischen Referenzmedikamente.

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