Seit Jahrzehnten dreht sich das globale Finanzsystem um einen unbestrittenen Anker: den US-Dollar.
- Der globale Handel mit Waren und Rohstoffen wird grösstenteils in Dollar bewertet.
- Regierungen und Unternehmen geben Schulden in ihren lokalen Währungen aus,
- Die Zentralbankreserven werden nach wie vor überwiegend in US-Dollar gehalten – hauptsächlich in Form von US-Staatsanleihen. Das System ist schon so lange auf den Dollar ausgerichtet, dass es sich oft permanent anfühlt.
Aber was passiert, wenn das Vertrauen in den Dollar zu schwinden beginnt? Könnte der Euro die Lücke füllen? Und was wäre eigentlich nötig, damit die gemeinsame Währung dorthin gelangt?
Der US-Dollar schwächt sich ab – und die Europäer möchten den Euro einführen!
Um es klarzustellen: Der US-Dollar wird nicht so bald verschwinden.
Sie bleibt die weltweit wichtigste Reservewährung und macht etwa 60 % der weltweiten Devisenreserven aus. Der Euro steht an zweiter Stelle, aber weit dahinter.

Doch drei strukturelle Kräfte prägen heute die Geschichte der Dominanz des US-Dollars.
1. Die geopolitische Instrumentalisierung der Finanzen
Das Einfrieren der russischen Zentralbankreserven nach der Invasion der Ukraine war ein Wendepunkt. Es zeigte sich, dass der Zugang zum US-Dollar-basierten Finanzsystem an Bedingungen geknüpft ist – nämlich an eine politische Ausrichtung auf die Vereinigten Staaten.
Seit Anfang 2025 haben Veränderungen in der US-Handels- und geopolitischen Politik die Beziehungen zu Teilen der Welt, einschliesslich US-Verbündeten, weiter belastet.
Die Botschaft an viele Länder ist klar: Dollarzugang ist mächtig, aber er ist nicht neutral!
Allein diese Erkenntnis hat Regierungen dazu veranlasst, Alternativen zu prüfen.
2. Die fiskalische Entwicklung der USA
Die Vereinigten Staaten weisen weiterhin hohe Haushaltsdefizite auf. Die Verschuldung im Verhältnis zum BIP steigt, und die politischen Realitäten machen eine langfristige Haushaltskonsolidierung unwahrscheinlich. Wichtige Steuer- und Ausgabenentscheidungen verstärken diesen Kurs.

Anleger vertrauen weiterhin US-Staatsanleihen. Sie bleiben nach wie vor die weltweite Benchmark für sichere Anlagen. Doch es werden Fragen gestellt:
- Ist das US-Schuldenwachstum nachhaltig?
- Sind US-Schulden sicher?
- Sind US-Staatsanleihen zuverlässig?
Am Rande diversifizieren einige Anlegerinnen und Anleger ihr Portfolio – und Gold gehört zu den bemerkenswerten Nutzniessern.

3. Fragmentierung des Welthandels
Die Globalisierung verläuft nicht mehr reibungslos. Die Welt spaltet sich zunehmend in Blöcke auf. „Freundliche“ und „unfreundliche“ Nationen bauen parallele Handels- und Finanzkanäle auf.
Abwicklungsabkommen für lokale Währungen, bilaterale Swap-Linien, regionale Zahlungssysteme – all das wird geprüft, um die Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern.
“Nichts davon wird den Dollar morgen verschwinden lassen. Aber es eröffnet unbestreitbar eine Diskussion.”

Warum möchte Europa einen stärkeren internationalen Euro?
Eine stärkere globale Rolle des Euro würde Europa konkrete Vorteile bringen.
Geringere Währungsrisiken für europäische Unternehmen
Heute wird ein Grossteil des Welthandels – sogar Transaktionen, an denen die Vereinigten Staaten nicht beteiligt sind – in US-Dollar abgewickelt. Das bedeutet, dass europäische Importeure und Exporteure der Volatilität des Dollars ausgesetzt sind.
Wenn der Dollar an Wert gewinnt, erhöht das die Importkosten in der Landeswährung, insbesondere für Rohstoffe und Energie, deren Preise in Dollar angegeben sind. Das wirkt sich direkt auf die Gewinnspannen der Unternehmen und letztlich auf die Inflation aus.
Wenn mehr Handel in Euro abgewickelt würde, würden europäische Unternehmen
- reduzieren Sie die Transaktionskosten,
- niedrigere Absicherungskosten und
- Gewinne stabilisieren.
Der Einfluss von Dollarschwankungen auf die europäische Inflation würde abnehmen.
Das ist kein kleiner Vorteil. Es ist strukturell.
Schutz vor importierter Inflation
Europa importiert grosse Mengen an Energie und Rohstoffen, von denen die meisten in Dollar gehandelt werden. Wenn der Dollar stark ansteigt, importiert Europa faktisch Inflation.
Ein stärkerer internationaler Euro – insbesondere bei Energieverträgen und Rohstoffpreisen – würde diese Verwundbarkeit verringern.
Für die Europäische Zentralbank erschweren währungsbedingte Inflationsschocks die Geldpolitik. Höhere Euro-Preise würden eine zusätzliche Schutzschicht bilden.
Strukturelle Nachfrage nach Euro-Anlagen
Wenn Regierungen und Unternehmen ausserhalb Europas mehr auf Euro lautende Anleihen ausgeben würden, würden zwei mächtige Veränderungen stattfinden:
- Die strukturelle Nachfrage nach Euro-Anlagen würde steigen.
- Der Euro würde zunehmend zu einer Fondswährung werden.
Eine Finanzierungswährung vertieft die Kapitalmärkte, erhöht die Liquidität und stärkt die globale Stellung. Es zieht auch Kapital in die europäischen Finanzmärkte, was europäischen Unternehmen und staatlichen Kreditnehmern zugutekommt.

Die gute Nachricht ist, dass die Emission von auf Euro lautenden Anleihen seit dem letzten Jahr tatsächlich zugenommen hat, da globale Kreditnehmer zunehmend die berechenbaren politischen Rahmenbedingungen und die vergleichsweise niedrigeren Zinssätze der Eurozone nutzen.
Mehrere grosse US-Unternehmen haben den europäischen Markt genutzt, um sich günstigere Finanzierungsmöglichkeiten zu sichern. So hat beispielsweise Alphabet Inc. (Googles Muttergesellschaft) wiederholt Euro-Anleihen mit mehreren Tranchen ausgegeben, um seine Finanzierungsbasis zu diversifizieren und niedrigere Kreditkosten zu sichern. In ähnlicher Weise haben Apple Inc. und Coca-Cola Company in den letzten Jahren auf den Euro-Markt zugegriffen und dabei von der starken Anlegernachfrage und den attraktiven Preisbedingungen im Vergleich zu den Dollar-Märkten zum Zeitpunkt der Emission profitiert.
Diese Beispiele verdeutlichen ein breiteres Muster: Selbst nicht-europäische Blue-Chip-Emittenten fühlen sich zunehmend wohl dabei, Kapital in Euro zu beschaffen, was die wachsende Rolle der Währung auf den globalen Schuldenmärkten unterstreicht.
Und das ist eine grosse Sache!
Das „exorbitante Privileg“
Es gibt auch eine strategische Dimension. Ökonomen bezeichnen den Vorteil der Reservewährung als ein „exorbitantes Privileg“ – ein Begriff, der seit langem mit den Vereinigten Staaten in Verbindung gebracht wird.
Der Reservestatus des US-Dollars ermöglicht es den USA, günstiger zu leihen, anhaltende Defizite zu verzeichnen und weltweit erheblichen finanziellen Einfluss auszuüben.
Wenn der Anteil des Euro an den globalen Reserven signifikant steigen würde, könnte Europa nur einen Bruchteil dieses Privilegs erlangen:
- niedrigere Kreditkosten,
- tiefere Anleihenmärkte,
- stärkere finanzielle Autonomie und
- Grösserer geopolitischer Einfluss – ohne einen einzigen Schuss abzugeben.
Die Vorteile liegen auf der Hand.
Die Machbarkeit ist eine andere Frage.

Die strukturellen Herausforderungen des Euro
Der Euro ist bereits die zweitwichtigste Reservewährung der Welt. Doch zwischen dem zweiten und dem ersten Platz besteht eine gewaltige Lücke.
Um den Dollar ernsthaft herauszufordern, bräuchte Europa
- Stabilität,
- Skala,
- Einigkeit und — entscheidend
- sichere Anlagen!
Das Problem sicherer Anlagen
Die Vereinigten Staaten haben einen einzigen Treasury-Markt. Europa verfügt über viele Märkte für Staatsanleihen.
Ohne eine vollständige Fiskalunion, d.h. eine gemeinsame Besteuerung und eine dauerhafte gemeinsame Emission von Schuldtiteln, verfügt der Euroraum nicht über einen einzigen, tiefen und einheitlichen sicheren Vermögenswert, der mit US-Treasuries vergleichbar ist.
Nach der Staatsschuldenkrise stärkte Europa seine institutionelle Architektur. Es wurden Mechanismen der Bankenunion geschaffen, die fiskalische Aufsicht verbessert und während der Pandemie eine gemeinsame Emission von EU-Obligationen eingeführt.
Diese gemeinsame Kreditaufnahme war historisch. Er schuf einen quasi supranationalen sicheren Wert, der Europa lange gefehlt hatte.
Aber er ist noch nicht dauerhaft oder gross genug, um mit dem Umfang und der Liquidität des US-Schatzmarktes mithalten zu können.
Die politischen Spaltungen bleiben erheblich: Nord gegen Süd, finanziell sparsame Länder versus höher ausgebende Mitglieder, Föderalisten versus Nationalisten.
Angesichts des zunehmenden Populismus erscheint eine Vereinigung Europas unter einem umfassenden fiskalischen Dach kurzfristig unrealistisch.
Dies ist die zentrale Einschränkung des Euro.
Energieabhängigkeit
Die Eurozone bleibt von Energieimporten abhängig. Die grüne Transformation kann diese Abhängigkeit allmählich verändern, aber nicht schnell genug, um die Empfindlichkeiten der Leistungsbilanz in naher Zukunft zu beseitigen.
Anhaltende Energieimporte setzen Europa externen Preisschocks und Währungsdruck aus. Diese Faktoren erschweren jedes Bestreben, zum wichtigsten Währungsanker der Welt zu werden.
Die dollarzentrierte Infrastruktur
Schliesslich geht es bei der Abkehr vom Dollar nicht nur um Vorlieben. Dies erfordert eine Änderung tief verwurzelter Infrastrukturen:
- Handelsverträge
- Derivatemärkte
- Zahlungssysteme
- SWIFT-basierte Finanzinfrastruktur
- Warenbörsen
Alle diese Ansätze sind stark auf den Dollar ausgerichtet.
Damit der Euro sinnvoll skaliert werden kann, wären nicht nur der europäische politische Wille, sondern auch eine breite globale Koordination und Vertrauen erforderlich. Und jeder aggressive Vorstoss zur Verdrängung der Dollarpreise - insbesondere auf den Energiemärkten - würde wahrscheinlich auf den Widerstand der Vereinigten Staaten stossen.
Die Europäische Union hat weder den geopolitischen Einfluss noch den Willen, um diesen Wandel gegen den Willen der grossen und mächtigen USA zu erzwingen.

Verliert der Dollar also seine Vormachtstellung, oder?
Realistisch betrachtet, nein – nicht in naher Zukunft.
Aber ist die Ära der unangefochtenen Dominanz vorbei? Möglicherweise.
Möglicherweise befinden wir uns im Übergang von einer unipolaren Währungswelt hin zu einer stärker diversifizierten Welt:

Der US-Dollar bleibt weltweit dominant, schwächt sich jedoch in regionalen Transaktionen, an denen die USA nicht direkt beteiligt sind, ab.

Der Euro stärkt sich allmählich, erweitert Transaktionen regional, bleibt jedoch nachrangig bei globalen Energie- und Warentransaktionen.

Der chinesische Renminbi steigt regional an.
Für Europa besteht die Chance nicht darin, den Dollar vollständig zu ersetzen. Sie besteht darin, die Lücke zu schliessen. Um die strategische Autonomie zu erhöhen. Um importierte Volatilität zu reduzieren. Und um sicherzustellen, dass sie nicht völlig von einem anderen Währungssystem abhängig ist, wenn geopolitische Spannungen aufflammen.
Poetisch ausgedrückt:
Letztlich ist die grösste Stärke des Euro – eine Union souveräner Demokratien – auch seine grösste Schwäche. Vielfalt schafft Resilienz, aber sie erzeugt auch Reibung.
Die eigentliche Frage ist also nicht nur, ob der Dollar schwächer wird.
Es geht darum, ob Europa sich gemeinsam stärken kann.
Der Inhalt dieses Artikels dient ausschliesslich zu Weiterbildungszwecken. Es stellt keine Anlageberatung, Finanzempfehlungen oder Werbematerial dar.







